Sonnenuntergang
Tagebuch



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7.7.08 Verlangen und ein Fjord

Ami liegt auf meinem Schoß. Es ist still hier, nur der Wind zerrt vor dem Fenster an den Bäumen. Was für ein Wochenende habe ich hinter mir. Eskapismus pur. Freitag Party. Samstag Party. Gestern Konzert. Ich war unterwegs um nicht an meine Situation oder meine Zukunft oder überhaupt an mich zu denken. Dabei ist die Distanz zwischen mir und dem Rest der Welt wieder besonders groß. Freitag hier im Garten hatte ich mehrfach den Drang wegzugehen und zu schreiben, aber ich habe es nicht getan. Möglicherweise weil hier einige Ereignisse einfach zu krass sind, um darüber zu schreiben. Samstag habe ich Thorstens Bandkollegen kennen gelernt, Michael. Er war ausgesprochen nett und hat sich auch moderat interessiert an mir gezeigt, aber ich glaube ich kann so etwas nicht angemessen spiegeln. Man sieht mir im Gesicht nicht an, was ich innen drin fühle. Ich glaube nach außen hin wirke ich kalt und uninteressiert – es kostet mich verdammt viel Mühe, meine Augen leuchten zu lassen. Ich denke nicht, dass ich von Michael noch viel hören werde. Gestern dann noch einen kleinen Eindruck von Bochum Total. Die Musik war belanglos. Aber hätte ich richtig Geld, hätte ich mich gestern ohne Ende vollgefressen. Das ganze Essen da wollte ich wirklich haben.

 
Es sind diese Momente des Wollens, die ich manchmal habe, die mir so besonders wichtig sind. André und ich haben jetzt ein Geheimnis zusammen – das ist es, worüber ich schon die ganze Zeit nicht schreiben kann. Und in der Nacht, in der es entstanden ist, war das Überwältigendste von allem dieses ungeheure Wollen, das Spüren von Sehnsucht und Verlangen in einer Größenordnung, die ausreicht um meine Prinzipien außer Kraft zu setzen. Er bringt mich dazu etwas zu wollen, so sehr, dass es mein ganzes Ich ausrichtet wie einen Kompass. In all der Leere und der Belanglosigkeit ist plötzlich ein Wille da, eine Richtung, etwas, das alles andere ausblendet und für die Dauer des Moments mein Leben ganz ganz einfach macht. Wille zu spüren ist großartig, lebendig, selbst wenn er Dinge zerstört während er aus seinem Käfig ausbricht. Etwas zu wollen heißt scheinbar soviel wie Mensch zu sein. In der Nacht wollte ich André mehr als alles andere, und seitdem achte ich immer auf die seltenen Momente, wenn sich mein Wille regt, egal in welche Richtung, und sei es nur Essen. Ich will wieder wollen.

 
Ich muss ein Referat vorbereiten. Ich will nicht. Nicht wollen kenne ich genug, das ist uninteressant. Ich will so viele Dinge nicht. Ich will zum Beispiel nicht raus gehen heute. André zieht heute aus. Ich habe Angst ich fange an zu heulen wenn ich das sehe. Ich hatte meine Hilfe angeboten, er hat nichts gesagt, und irgendwie bin ich froh darüber. So selten ich ihn auch sehe in der letzten Zeit, der Gedanke, dass das jetzt noch seltener wird, reißt mir das Herz raus. Ich habe damals immer so gerne meinen Alltag mit ihm geteilt. Auch wenn ich das schon lange nicht mehr habe, so ist doch die Gewissheit, dass ich das endgültig nie mehr haben werde, etwas ganz Schlimmes. Heute Abend ist er weg. In der Nacht neulich hat er ein wunderschönes Bild unserer Freundschaft kreiert, über Liegen an einem Haus an einem Fjord in Finnland und über uns beide, die dort herumliegen, wenn wir alt sind. Er sagt es ist egal wie lange wir uns nicht sehen, unsere Freundschaft wird immer bestehen. Er hat nicht nur Recht, es ist auch ein großes Kompliment für mich, dass er das gesagt hat. Das Dumme ist nur, ich habe schon viele Freundschaften, auf die genau das zutrifft. Dass man eine ganz besondere Verbindung miteinander hat, ganz egal was passiert, selbst wenn man sich ewig nicht sieht. Was mir fehlt ist die Freundschaft, bei der man nach der Arbeit zusammen Nudeln kocht. Ich habe ein Dutzend Freunde, die ich lange nicht gesehen habe, und mit denen ich eine ganz große Zeit haben werde, wenn ich sie wieder mal besuche irgendwann irgendwo in Deutschland. Aber hier und jetzt bin ich ganz alleine. So fühlt es sich zumindest an.

 
Ob die Liege an dem Fjord ernst gemeint war? Eigentlich ist das vollkommen egal. Im Grunde sind wir alle allein, kommen allein zur Welt, sterben allein. Freundschaft ist eine Art und Weise, sich die Illusion zu verschaffen, dass es nicht so ist. Und André hat mir dieses wunderschöne Bild kreiert, das mir jetzt noch die Tränen in die Augen treibt – da frage ich nicht nach, ob das eine Illusion oder die Illusion einer Illusion ist. Ich habe kaum je eine so perfekte Freundschaftserklärung bekommen, und auch wenn sie meine Einsamkeit nicht heilen konnte, nicht einmal in dem Moment, so hat sie mich doch sehr getröstet. Trost ist eine der besten Illusionen, die man hier kriegen kann.

 
Ich glaube ich brauche eine Sexbeziehung. Nicht mit André. Eine richtige Beziehung schaff ich glaub ich nicht – es fällt mir ja schon schwer, einem Menschen eine halbe Stunde lang zuzuhören, geschweige denn selbst etwas zu sagen. Ich bin so dissoziativ und weggetreten in der letzten Zeit, da hätte niemand wirklich Spaß mit mir. Sex wäre einfacher. Ich brauche jemanden, der es ebenfalls raus hat, mich dazu zu bringen etwas zu wollen. Schwer genug. Ich will meine Zeit nicht allein verbringen, und was Sex angeht gäbe es Dinge, die ich wollen kann, im Gegensatz zu anderen Themen, mit denen sich Pärchen so beschäftigen. Musik, Kultur, Sport, das lässt mich alles so richtig kalt im Moment. Ich will nur das Verlangen nach irgend etwas spüren, damit ich mich lebendig fühlen kann.

7.7.08 14:31


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22.6.08

Ich weiß wieder nicht wohin mit mir. Kann nicht lesen, nicht schreiben, nicht denken. Ich wäre am liebsten unter Leuten, aber alle hier schlafen oder lernen oder sind weg. Ich höre Janis Joplin, trage schon meinen Bikini unter dem Kleid, weil es heute heiß werden soll. Warm und schwül ist es schon. In den letzten ein oder zwei Tagen hat sich ein fataleres Gefühl eingestellt als das, was ich vorher hatte. Jetzt ist es fast schon eine Gleichgültigkeit, als sei es egal, ob ich die Arbeit rechtzeitig schaffe oder nicht. Ich will, dass es mir etwas ausmacht, aber vielleicht haben die Panikattacken meine Emotionen aufgebraucht. Gleichzeitig sehe ich mich selbst in der Zukunft, ohne irgendwas in der Hand, immer arm, nie regulär im Leben wie alle anderen. Ich sehe mich als Hartz 4-Surfer mit schlechtem Gewissen, sich von einem zum anderen Scheißjob endlang hangelnd, während alle anderen von 8 bis 5 außer Haus arbeiten, heiraten, Familie gründen. Der Gedanke macht mich derzeit müde und traurig. Wenn ich ihn sonst hatte, hätte ich mich fast übergeben.

 
Aber sie lassen mich langsam hinter sich, alle zusammen. Suchen sich gute Arbeit, finden sogar welche. Ziehen weg. André zieht aus. Ich hätte nicht gedacht, dass er vor mir raus ist hier, und jetzt geht alles verflucht schnell. Meine Gefühle haben sich in mir gemischt, aber nicht so wie Schoko- und Erdbeereis, sondern eher wie Kerosin und Abflussfrei. Ich will, dass er endlich weg ist, damit meine Seele in Ruhe heilen kann und ich endlich nach vorne blicken und mein Leben irgendwie anders ausrichten kann und muss. Auf der anderen Seite vermisse ich ihn jetzt schon viel zu viel, hätte ihn am liebsten noch jeden Tag um mich, und wenn auch nur 5 Minuten, scheißegal, ich könnte fast drum betteln. Und noch wohnt er ja hier. Ich habe nie so viele andere Leute so regelmäßig gesehen wie in der letzten Zeit, und ich hab mich noch nie so alleine gefühlt. Ich gehöre nirgendwo mehr wirklich hin.

 
Ich habe Angst, dass mir alles entgleitet. Was ist, wenn ich die Arbeit wirklich nicht schaffe? Alle meine Wurzeln hier lösen sich auf, nichts hält mich. Ich seh mich schon mit dem Rucksack auf der Straße, auf der Flucht vor mir selbst, und gleichzeitig auf der Suche nach mir, pendelnd zwischen all den Leuten, die mal Anteil an meinem Leben gehabt haben. Spannendes Abenteuer? Nein ich will das nicht, ich hab so was nie gewollt. Ich will nicht vogelfrei sein – ich tausche gerne jedes Stückchen Freiheit für ein bisschen Sicherheit ein, nur einmal im Leben. Ich habe Angst, dass ich stationär gehen muss, wenn das mit der Arbeit schief geht. Ich fühle mich nicht wahnsinnig im Moment, ich bin selten dissoziativ, und meinen Alltag kriege ich mit Hängen und Würgen immer noch hin. Aber ich träume von Waffen, und dabei ergreift mich eine sehr kraftvolle Sehnsucht danach, dass einfach alles endet. Ich bin schon viel kranker im Leben gewesen als jetzt, aber ich war selten so lebensmüde. Die Sehnsucht nach totalem Stillstand lässt mich kaum noch los. Ich hasse derzeit jede Bewegung, egal in welche Richtung sie stattfindet, egal wer sie ausführt. Ich muss mir jedes Mal wirklich meine Eltern vor Augen führen und den Kummer, den ich ihnen zufügen würde, damit ich das alles bekämpfen kann. Ich werde definitiv nichts tun, was ihnen Schmerz bereiten könnte, daran halte ich mich. Ich mache einfach weiter und weiter und weiter und weiter. Trotzdem, der Wunsch nach Frieden bleibt.

22.6.08 12:22


20.6.08 Pillen vergessen

Letzte Nacht hab ich meine Tabletten vergessen. Ich glaube das passiert mir so schnell nicht wieder. Heute morgen haben mich meine Träume immer wieder aus der Realität zurück gezogen mit einer Macht, wie ich sie lange nicht verspürt habe, so dass ich viel zu spät aufgestanden bin. Unter der Dusche habe ich geweint, habe hier im Zimmer Würgereize verspürt, das Nichts hat mich komplett ausgefüllt und ich wünschte mir nur die ganze Zeit über, mich würde irgendwer erschießen. Ich bin in dissoziative Zustände abgedriftet, weit weg von der Realität, von Buchstaben und Stimmen und Personen. Die Stille rauscht noch jetzt. Mir war klar, dass wenn ich jemals gezwungen sein sollte, diesen Zustand auf unbestimmte Zeit auszuhalten, ich mein Versprechen nicht würde halten können, mir nichts anzutun solange die Eltern noch leben. Ich habe alles in Frage gestellt.

 
Gott sei Dank bin ich gezwungen zu funktionieren. Wenn ich gleich nicht ein Referat halten müsste, wäre ich für heute schon wieder im Bett. André war gerade auf meinen Wunsch hin kurz da, das hat mich sehr beruhigt. Ich hab mich ja damals schon gewundert, dass die Tabletten direkt am ersten Tag wirkten, aber jetzt – dass sie auch sofort nach Entzug mich in meine trostlose Horrorwelt zurückschleudern…. das macht mir schon ziemlich zu schaffen. Ich bin abhängig von winzigen Stückchen Chemie, und selbst die machen mich nicht glücklich, sondern nur mein Leben erträglich. Ich glaube, ich habe heute morgen eine wichtige Lektion gelernt. Ich fahr jetzt zur Uni.

20.6.08 13:30


16.6.08 Stress geht weiter

Ich habe wieder eine Seite geschrieben, bin jetzt stolz auf mich, aber wenn ich es rational durchrechne, ist es noch immer nicht genug. Was ich auch tue, es reicht nicht. Wissenschaftliche Texte zu verfassen laugt mich aus, saugt das Leben aus mir heraus. Hier kann ich ne Seite in zehn Minuten schreiben. Was ne Ironie. Ich habe meinen Beruf verfehlt, sollte vielleicht Romanschriftstellerin werden… oder passiert die Panik jedes Mal, wenn ich unter Druck schreiben muss? Ich weiß es nicht. In meinem Kopf gehen schon allerhand wahnhafte Vorstellungen darüber um, was passiert, falls ich mein Studium nicht schaffen sollte.

 
Ich gehe gleich zur Uni, wieder unvorbereitet. Ich würde mich gern jetzt noch ein wenig ablenken, mit jemandem reden, einfach mit ein oder zwei Menschen eine Zeit lang zusammensitzen. Aber niemand ist da. Das Wohnheim ist still. Alle sind offline. Wie wird das erstmal, wenn ich hier ausgezogen bin? Zur Zeit ängstigt mich jeder einzelne Aspekt meiner Zukunft, woran auch immer ich denke. Heute morgen nach dem Aufstehen hab ich in mein Waschbecken gekotzt. Ich hasse diese Anspannung und doch weiß ich, es gibt keinen Weg drum herum, ich muss einfach durch. Und neben den großen Anstrengungen auch noch den Alltag aufrechterhalten… ich will nur weglaufen, weit weit weg.

16.6.08 12:50


15.6.08 Intermezzo

Ich hab es tatsächlich getan. Habe vorletzte Nacht mit Jochen geschlafen. Es war gut, aber wieder genauso, wie es unter Freunden immer ist: schnell, ohne die Liebe, die außer mir alle anderen zu erleben scheinen, ohne Küsse. Und als wir uns gestern gesehen haben, war auch alles wieder back to normal. Aber er hat mir einen Dienst erwiesen, für den ich ihm sehr dankbar bin: er hat mich die ganze Nacht im Arm gehalten. Das hat viel geheilt. Ansonsten fühle ich mich ziemlich am Boden. Dieses Intermezzo hat mir gezeigt, wie sehr ich André vermisse. Jemanden, den ich nie wirklich gehabt habe, habe ich so sehr vermisst, dass es weh tat. Gleichzeitig habe ich natürlich Jochen gegenüber ein schlechtes Gewissen bekommen, wollte ihm nicht Unrecht tun allein schon mit dem was ich so denke. Welch eine Ironie: gerade an dem Tag wollte ich eigentlich einen Eintrag machen darüber, dass André so langsam aus meinem Kopf verschwindet, dass ich besser ohne ihn klar komme, dass die Emotionen in Bezug auf ihn weniger werden, dass weltliche Dinge wie meine Arbeit tatsächlich Vorrang haben. Genauso fühlte ich mich.

 
Und jetzt – vorhin unter der Dusche hab ich geheult. Wenn mir wieder in den Kopf kommt, dass er die Welt für mich ist, dass ich alles für ihn tun würde, dann hasse ich mich für diese Schwäche. Teenager denken so was, oder Stalker. Ich will das nicht. Ich denke immer an sein blödes Gerede von wegen Eifersucht sei Besitzdenken bla bla. Was will ich denn von einem, der so denkt? Natürlich ist Eifersucht Besitzdenken, aber deshalb kann ich sie doch nicht verbannen. Was bitte ist denn Liebe anderes als Besessenheit, der Wunsch, besessen zu werden und selbst den anderen Menschen für immer bei sich zu haben? Alles was weniger als das ist, ist auch keine Liebe. Man sollte sich nur noch wünschen, dass der von dem wir besessen werden auch gut mit uns umgeht. Es ist nicht angenehm, wenn das Herz, das wir schon unfreiwillig aus der Hand geben, auch noch fallen gelassen oder lässig weggekickt wird.

 
Ich denke immer an all das, was ich damals im Bett mit André alles nicht gemacht habe, weil wir nicht zusammen waren. Heute schwanke ich zwischen den Gedanken „Gott sei Dank hast du deinen Selbstschutz aufrecht erhalten“ und „Genau so hast du es geschafft ihn zu vergraulen“. Ich kann diese zwei Sichtweisen nicht miteinander versöhnen, sie stehen einfach im Raum. Mir ist klar, dass diese kleinen Hüpfbienchen, mit denen er sich seitdem umgibt, mit ihm aus Spaß all das machen, was ich bei dem mangelnden Rückhalt außerhalb einer Beziehung einfach nicht könnte. Und Belinda scheint ihm ja auch gut zu tun, schließlich kriegt er sein Leben jetzt langsam wieder auf die Reihe. Ich hoffe so sehr, dass sie ihm nicht weh tut – er ist schließlich bitter genug manchmal. Hoffentlich lässt er sich nicht blenden von der ganzen guten Laune und vom Interessantsein und vom Kleines-Mädchen-Sexappeal; hoffentlich denkt er zwischendurch mal daran, dahinter zu schauen, sich zu fragen, wie lange seine süßen, kurzbeinigen Manga-Unterwäsche-Träume ihn noch umkreisen, wenn es mal wirklich richtig ernst wird. Ich habe einfach Angst um ihn, dass er, falls es irgendwann vorbei ist, wieder hier sitzt, rauchend, die Gedanken nicht von irgend einem dummen kleinen Mädchen loskriegend, und ich auch hier rauchend sitze, und wir uns anschweigen, und ich meine Gedanken nicht von ihm loskriege. Ja, um mich mache ich mir da auch Sorgen.

 
André ist definitiv in die Reihe der Männer eingegangen, die ich nicht nur einmal geliebt habe, sondern die ich immer lieben werde, ganz egal was kommt. Die anderen machen mir keine Sorgen mehr (außer Hendrik in meinem Kopf ab und zu), aber zu denen hab ich ja auch die physische Distanz. Ich will aber eigentlich keine Distanz zu André. Ich will nur Distanz zu ihm und Belinda als Pärchen. Das kann ich mir kaum angucken. Ich hasse Pärchen, schon immer. Und meine Distanz zu ihm könnte momentan eigentlich kaum größer sein – wenn wir uns sehen, sind wir stumm oder reden über das Wetter. Wie könnte es auch anders sein? Ich glaube es liegt an mir. Er turtelt die ganze Zeit mit Belinda, wenn sie da ist, und ich bin selbst mit anderen Leuten stumm oder rede über das Wetter. Ich habe nichts zu sagen – mir fiel es schon immer schwer, die ganze Welt zu besprechen. Sie sollen mal alle hören was ich nicht sage, das wäre viel aufschlussreicher.

15.6.08 10:07


10.6.08 Der Stress meines Lebens

Ich drehe mich im Kreis. Solch ein Gefühl von Stress habe ich noch nie gekannt. Ich wache jede Nacht auf, entscheide mehrmals die Stunde ob ich aufstehen und mich der ekligen Realität stellen soll, oder ob ich verdrängen soll. Die Arbeit schreibt sich nicht von alleine. Wenn ich hier vorsitze, muss ich jeden Satz einzeln aus mir heraus erbrechen, aus dem Nichts und wieder Nichts. Kein Fluss, keine Automatik. Und dazwischen, wenn ich nicht mehr denken kann, fange ich an zu trinken, Party zu machen, und ich denke an und sehne mich nach Sex. Ich suche nach jemand geeignetem, um mich abzulenken. Ich wüsste sogar jemanden, aber ich habe auch Angst. Was ist, wenn es mich nicht ablenkt? Was ist, wenn er mich nicht im Arm hält? Was ist, wenn er mich im Arm hält, und das Gefühl der Bedeutungslosigkeit geht einfach nicht weg? Das wäre das schlimmste. Aber genau das müsste ich ja erwarten, wenn ich es mit jemandem versuche, den ich nicht liebe. Ich glaube, ich kann meine Zurückhaltung sowieso nicht überwinden.

 
Diese Arbeit macht mich fertig. Nur dreißig Seiten noch zwischen mir und meinem ersten Universitätsabschluss. Hätte nie gedacht, dass Druck so groß sein kann, und ich kenne eine Menge Druck. Alles andere mache ich jetzt lieber. Gleich geh ich raus in die fantastische Sonne und lese, das ist leichter. Wenn was kommt, dann alles auf einmal. Jeden Tag Fußball. Gestern ist Opa gestorben und wird Freitag beerdigt. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht bei Mama sein kann. Weil ich die eine Hälfte des Tages an meiner Arbeit sitze und die zweite Hälfte über versuche zu vergessen, dass ich daran sitze. Es muss bald vorbei sein, sonst zerreiße ich.

10.6.08 12:21


3.6.08 Kann grad nicht lernen

Die Arbeit macht mich edgy. Ich habe immer noch nicht einen Buchstaben stehen. Stattdessen wirken die Medikamente. Die Depressionen lassen nach. Ich will raus in die Sonne. Ich will unter Leute, selbst wenn ich Leute nicht leiden kann – ich will plötzlich hören, was sie so erzählen. Ich würde jetzt am liebsten keine Arbeit schreiben, sondern ein Buch. Von innen stehen wieder Welten vor meinen Augen, klar und detailliert, so dass man sie nur noch ordnen und rauslassen müsste. Ich habe eben eine Dreiviertelstunde lang mein Zimmer aufgeräumt, obwohl es gar nicht so übel aussah. Ich hatte ja heute morgen schon mal aufgeräumt. Und ich habe Wäsche gewaschen. André tut immer noch weh, aber jetzt sind es Schmerzen, die ich mit einer schicksalsvollen Melancholie ertragen kann. Ich möchte Leute anrufen, von denen ich seit Monaten oder Jahren nichts gehört habe. Und ich möchte schreiben, schreiben, schreiben, alles nur nicht meine Arbeit. Ich sehe mich selbst immer morgens in der Bibliothek sitzen und an meiner Arbeit schreiben, mit meinem Laptop und den Büchern, oder abends, wenn es draußen schon dunkel wird, immer voller guter Vorsätze. Aber ich tue es nicht. Ich tue es einfach nicht. Es ist wieder das alte Lied. Der Druck muss offenbar immer noch so groß sein, dass ich hier sitze und zwischendurch vor Verzweiflung heule, sonst kriege ich nichts gebacken. Gar nichts.

 
Ich höre Musik, und die Musik kitzelt meine Seele. Ich fühle so was wie Inspiration statt des altbekannten Nichts, das aus jeder Musik nur störendes Geräusch gemacht hat. Ich kann mich noch nicht so ganz an mein neues Sein gewöhnen, es ist so fremd. Selbst die Müdigkeit wird deutlich weniger. Ich habe mich schon einmal so gefühlt, ich erinnere mich, aber das ist alles Jahrtausende her. Damals war ich noch ein Teenager. Ich kehre zur Realität zurück und auf einmal beginne ich darüber nachzudenken, ob sie mir überhaupt gefällt. Seit ich weniger schlafe und tagsüber nicht dissoziativ in meinen Kopf verschwinde, habe ich so viel Zeit. Die muss ich irgendwie ausfüllen mit der Suche nach Sinn oder dem Vermeiden des Denkens oder der weiteren Verbesserung meines Lebensgefühls. Bin ich schon bereit, all das nachzuholen, was die letzten Jahre mir genommen haben? Es fühlt sich alles noch so anstrengend an. Ich rauche zuviel, und Alkohol schmeckt mir schon fast wieder. Vom Rest brauche ich erst gar nicht zu sprechen. Ich spüre den Drang mitzunehmen, was immer jetzt kommt, aus Angst, dass mein Zustand nicht von Dauer ist und ich mich eines Morgens wieder zusammengerollt unter der Decke wieder finde, einen Stein im Magen und Tränen in den Augen. Deshalb sag ich jetzt ständig ja, wenn man mich auf Partys einlädt, ob ich Lust habe oder nicht. Tatsache ist, ich habe noch immer durchgehend keine Lust, aber ich fühle mich verpflichtet dazu, zu tun was immer ich kann.

3.6.08 19:46


30.5.08 Mittagspause

Ich schreibe dies hier in meiner Freistunde, sitze auf einem der schwarzen Ledersofas im Mensa-Foyer. Freitags ist hier nicht so viel los. Ich übertrage den Eintrag später.

 
Die neuen Tabletten scheinen tatsächlich zu wirken. Meine bösen Gedanken sind natürlich noch da, aber sie stehen jetzt einfach im Raum, sind klar als böse identifiziert und bilden keine reißenden Strudel mehr, die mich mit sich hinabziehen. Ich bin nicht mehr dissoziativ. Und auch wenn ich mich bisher erst wenig verändert habe, so steht mir doch schon jetzt grotesk vor Augen, was die Krankheit in den letzten Jahren aus mir gemacht hat. Ich selbst habe mich nicht gehasst, aber ich habe mich stets verachtenswert gefühlt, wenn ich versucht habe, mich selbst mit den Augen anderer zu betrachten. Das ist immer noch so, aber jetzt ist es mir sehr bewusst.

 
Ich lerne gerade etwas kennen, das ich noch niemals kannte: Langeweile. Ausgerechnet jetzt (noch 3 Wochen bis zur Abgabe)! Die Welt ist noch immer sinnlos, aber da mein Kopf mich jetzt nicht mehr mitnimmt auf Reisen, brauche ich andere Menschen, die mich von dieser Tatsache ablenken, mit denen ich die Zeit rumkriegen kann bis alles endet. Ebenfalls grotesk ist es, wie alleine ich mich fühle. Als hätte ich, was soziales Leben angeht, einfach keinen Fuß mehr in der Tür. Ich habe nichts zu tun und nichts zu erzählen. Nicht die besten Voraussetzungen für neue Freundschaften. Und sie erwarten alle etwas extrem anstrengendes von mir: Enthusiasmus. Noch schaffe ich es nicht, mich für irgendwelche Dinge zu begeistern, nicht mal für Kleinigkeiten. Sobald man Enthusiasmus für irgend etwas vortäuscht, bekommt man sofort positive Resonanz. Aber das ist auf Dauer viel zu anstrengend, und die „white lie“ macht einen innerlich nur noch zynischer. Ich gehe ja auf die Partys, ich rede ja über Männer, ich versuche ja zu sagen was ich fühle. Und die ganze Zeit über hoffe ich inständig, dass der ganze Kram mir auch bald mal wieder Spaß machen wird, vielleicht schon in ein paar Wochen, wenn ich nur weiter die Pillen nehme. Irgendwann muss das alles doch mal die Mühe wert sein. Irgendwann soll mich nicht alles erschöpfen.

 
Ingo hat mir SMS geschickt und sich für Ende Juni angekündigt. Ich freue mich, bin sehr gespannt. Ich möchte vielleicht, eventuell, mit ihm schlafen, aber auf jeden Fall will ich mit ihm über André reden. Wieso mit ihm? Weil ich wissen will, wie André’s Seite aussieht – schließlich stand er selbst mal da, ob er sich nun erinnert oder nicht. Von mir geliebt, aber zurückweisend und mit anderen Frauen unterwegs bis zum Schluss. Ich werde ihm definitiv noch mal klar und deutlich auf die Nase binden, dass er der Grund war, weshalb ich mein Leben in Hamm nicht mehr ertragen habe und nach Bochum gezogen bin. Ja, ich bin wirklich gespannt.

3.6.08 19:28


26.5.08 Vodka Monday

Was soll ich sagen? Die Situation ist schlimmer denn je – André ist mit Belinda zusammen – aber ich fühle mich besser. Ich lerne und ich lebe; die neuen Pillen scheinen endlich mal zu wirken. Wenn ich auf unlautere Methoden zurückgreife werde ich sogar zum Overperformer, aber das ist jetzt gerade noch nicht mein Ziel. Später vielleicht. Das neue Leben gefällt mir immer noch nicht, weil ich jetzt mit all dem aufräumen muss, was sich so angesammelt hat. Aber ich habe das starke Gefühl, ich habe endlich wieder einen Fuß in der Tür. Und wenn sie mich hier alleine lassen, so wie jetzt eben (ich habe mich mit Cat und Martha besoffen), dann habe ich nicht mehr einfach nur den Wunsch, dass irgendwer kommt und mich umbringt.

 
Ich höre wieder Musik. Ich kann sie ertragen, ohne dass sie mich aus der Bahn wirft. Gerade höre ich Alanis Morrissette. Ein Kick fürs Ego. Sie führt nicht dazu, dass ich mich in einer Ecke zusammenkauern und sterben will. Ich wünschte es wäre immer so. Vielleicht könnte ich dann sogar meinen ewigen Hass auf die Menschen überwinden. So langsam bekomme ich eine leise Ahnung davon, dass er, wenn auch verständlich, vielleicht nicht in allen Fällen gerechtfertigt ist. Vielleicht sind ein paar Menschen es doch wert, auch wenn ich mich bei diesem Gedanken selbst nicht für ganz zurechnungsfähig halte. Ich traue mir noch nicht. Mal schauen, wie sich das entwickelt.

26.5.08 22:00


6.5.08 Papier geduldiger als ich

Jetzt ist schon der dritte Tag in Folge, an dem ich morgens mit Magenschmerzen aufstehe. Ich habe geheult unter der Dusche vorhin. Was mich diesmal runterzieht? Diesmal ist es wieder die Bürokratie. Ich habe das Gefühl ich schaffe es niemals, mich endlich für meine Arbeit anzumelden. Ich brauche Passierschein A 38 im Haus, das Verrückte macht. Jeder Gang in irgendein Büro endet damit, dass ich auf zwei andere Büros verwiesen werde, in die ich erstmal vorher muss. Wenn ich einen Zettel nicht finde, den ich vor 5 Jahren das letzte Mal gesehen habe, fühle ich mich unzulänglich. Ich bin in der Beweispflicht. Sie sind das Gesetz. Dort werden nirgendwo Privilegien verteilt. Keiner kennt mich; für Sekretärinnen und Zuständige bin ich nur eine weitere Studentin – und damit der Feind. Und ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln. Ich habe im Laufe der Jahre so viele Studenten sehen, die unglaubliche Dummheit oder auch Dreistigkeit mitbringen zu den Dozenten, dass ich es nur nachvollziehen kann, dass solche Leute irgendwann nur noch die Stereotypen vor sich sehen. Aber mich macht es klein. Mich macht es fertig. Ich erfahre wieder was es heißt, in den Mühlen der Bürokratie zermahlen zu werden. Ich habe Angst vor Formularen und vor Sekretärinnen, ich fühle mich der Willkür von Paragraphenreitern schutzlos ausgesetzt. Auf einmal zählt nicht mehr, was für eine Wahnsinnsnote auf dem Schein steht – es zählt nur, dass das Ding auf Papier existiert und am besten noch elektronisch. Und in diesen Büros hat niemals jemand sich ein Bild machen können über meine Leistungen oder mein Engagement. Hier wird kommentarlos alles nivelliert, ich werde wieder zu einem Schaf in der Herde gemacht, mit dem Unterschied, dass selbst die dümmsten Schafe es bisher besser als ich geschafft haben, sich für die blöde Abschlussarbeit anzumelden. Auch menschliche Kulanz darf man nicht erwarten, und besser auch nicht drauf hoffen, denn was die Notwendigkeit von Sekretärinnen angeht, Menschlichkeit zeigen zu müssen, so sind sie aus dem Schneider. Sie haben Regeln, auf die sie verweisen können. Für diese Regeln können sie nichts, sie tun ja nur ihren Job. Wie ich das Ganze hasse. Mit dem universitären System haben die Leute etwas geschaffen, das größer ist als sie selbst – genauso wie sie es mit Stadtverwaltungen tun, Krankenkassen oder dem TÜV. Den Gesetzen dieser Systeme gegenüber sind sie aber plötzlich machtlos, vergessen komplett, dass es immer noch eine menschliche Aufgabe ist, diese Regeln zu interpretieren.

 
Eine Woche lang habe ich vor diesem Ordner auf meinem Regal so viel Angst gehabt, dass ich mich nicht traute, ihn anzufassen. Bürokratie hat mich schon immer in die Verzweiflung getrieben. Aber die letzte Woche war so furchtbar, erst die Probleme mit den Medikamenten, der unglaubliche Seelenschmerz in Bezug auf alles, was mit André zu tun hat, die Depressionen, die mir morgens direkt nach dem Aufwachen die Tränen in die Augen treiben, die verzweifelten Fluchtversuche in die grelle Frühlingssonne… mittlerweile werden alle anderen Probleme genauso brennend und nagend wie dieses. Also habe ich mir für heute vorgenommen, im Bürokratenkrieg in die nächste Schlacht zu ziehen. Und ich habe so eine Riesenangst, weil ich quasi unbewaffnet bin. Ich werde mich schminken und dann in die Welt stürzen. Nach dem Kaffee. Und nachdem ich Ami gekrault habe. Und vielleicht warte ich besser noch bis Cat wach ist. Sie ist zur Zeit mein Realitätsanker; wenn ich mit ihr nicht sprechen kann, schaffe ich es überhaupt nicht mehr aus meinen saugenden Kopfwelten heraus. André fehlt mir.

6.5.08 08:35


5.5.08 Montag Morgen

Die Morgende sind schlimm im Moment. Ich hoffe das wird nicht zur Gewohnheit. Ich werde mit einer Schwere in mir wach, und bis ich geduscht und angezogen bin hat sie sich ausgewachsen zu einem furchtbaren Gefühl, Einsamkeit, Schwäche, Lebensmüdigkeit. Ich habe die ganze Zeit Tränen in den Augen, kann aber doch nicht weinen. Ich habe Magenschmerzen, und der Kaffee ist bestimmt nicht Schuld. Gestern bin ich um diese Uhrzeit nach draußen gegangen in die Sonne, unter Leute, und habe den ganzen Tag nicht mehr an mein eigenes Leben gedacht. Aber heute ist Montag. Niemand ist da – alle sind entweder schon weg oder noch am schlafen. Mein Zimmer ist schon aufgeräumt, außerdem bringt es auch nichts, noch länger ruhelos hier hin- und herzulaufen. Ich habe Angst vor meinen Uniformularen, traue mich nicht, den Ordner vom Regal zu nehmen. Ich habe Angst vor meinen Texten – was mach ich bloß wenn ich merke, dass ich lesen will und mich nicht konzentrieren kann? Also vermeide ich die Bücher. Mir dreht sich regelrecht der Magen um, wenn ich an André denke. Wenn ich daran denke, wie es ihm geht. Er schien so trigger-happy die letzten Male, ganz seltsam und ganz furchtbar. Und er schließt mich aus. Trifft sich immer noch mit Heike, und Belinda ist auch unterhaltsamer als ich. Er erzählt mir gar nichts mehr. Ich kenne dieses ungeschriebene aber eiserne Gesetz, dass man niemals das haben will, was man tatsächlich bekommen könnte, aber in seinem Fall reißt es mir wirklich das Herz raus. Ich würde ihm die Welt zu Füßen legen, und ich bin mir sicher er weiß es, und ich könnte jedes Mal auf ihn einschlagen dafür, dass er mich nicht will. Aber kann ich ihm einen Vorwurf machen? Ich selber habe erstens zwei Jahre gebraucht bis ich überhaupt wusste, dass ich so fühle, und zweitens fehlt mir selbst jetzt die Energie und der Mut, um ihn zu kämpfen, weil ich nicht weiß wie man so etwas macht und wo das überhaupt hinführen soll. Was hab ich ihm denn zu bieten? Liebe ja – aber darum geht es ihm scheinbar nicht. Weswegen sonst scheint er in diesen kleinen Partymädchen so viel mehr zu finden? Klar, die sind bunter, aber wie wichtig kann bunt denn bitte sein? Das werde ich nie verstehen. Und überhaupt, wie kämpft man denn bitte für einen Menschen?? Soll ich etwa Werbung für mich machen? Hey Mann, ich bin zwar innerlich leer und tot, aber ich könnte dich im Arm halten, bis es dir besser geht… tolle Aussichten. Ganz tot bin ich offenbar gerade nicht, dann ich muss heulen, und ich habe solche Magenschmerzen, dass ich die ganze Zeit einen folgelosen Würgereiz verspüre. Ich zittere.

Cats Tür oben hab ich gerade gehört. Sie ist auch so ein schillernd buntes Partymädchen, aber sie ist genau das was ich jetzt brauche. Irgendwer muss meine Füße an den Boden zurückholen, damit ich aufhöre, in der Luft zu pendeln. Hoffentlich kommt sie gleich runter und spricht ein wenig mit mir.

5.5.08 08:56


4.5.08 Alles beim alten und nichts mehr da

Die Medikamente sind seit fast einer Woche abgesetzt. Ich schlafe jetzt nicht mehr nachmittags plötzlich mitten im Gespräch ein, oder im Seminar. Die Müdigkeit, die jetzt wieder da ist, ist die altbekannte Lebensmüdigkeit. Dieses Gefühl, dass man ungeduldig und erschöpft auf die innere Uhr schaut, wie lange es noch dauert bis man endlich stirbt. Damit kann ich besser umgehen als mit Tabletten, die andere Leute fragen lassen, ob ich betrunken bin. Das Tragische ist, sie hatten wirklich geholfen damals (damals! – vor drei Wochen). Die Gedanken in meinem Kopf waren zwar immer noch dunkel und hoffnungsfern, aber sie haben wenigstens keine Spiralen mehr gebildet, die mich immer tiefer und tiefer und weiter hinein und hinab ziehen, so wie es jetzt wieder ist. Jetzt gehe ich wieder durch die Welt wie ein geschlagener Hund, und keiner hat mich lieb. Das Furchtbarste daran ist aber nicht, wie schlimm das alles ist, oh nein, Schlimmes kann man ertragen. Das Grauenhafte ist die Gewissheit, dass es niemals anders sein wird. Gestern hab ich es kaum ausgehalten, weil ich immer dachte, dass sich das alles hier nie mehr ändern wird. Dass es einfach Dinge gibt, die für immer so bleiben wie sie sind, wenn sie sich erst einmal eingependelt haben. Das macht mich fertig. Mir steigen wieder die Tränen in die Augen, wenn ich morgens wach werde.

 
Und ich habe das Gefühl, in mir regt sich Kreativität. Ich bin meistens zu müde zum sitzen und tippen, aber in meinem Kopf sind ein ganzer Haufen Gedanken immer kurz davor, sich in Worte zu kleiden und hinausgelassen werden zu wollen. Ich habe selten so viel geschwiegen wie in den letzten Tagen, weil meine Gedanken nicht zu denen der anderen Leute passen. Aber ich fühle auch, dass die Worte kommen könnten, wenn man sich nur dafür interessieren und mir die Angst vor dem Sprechen nehmen würde. Das Gefühl der Unzulänglichkeit ist stärker als je zuvor. Die Menschen um mich herum scheinen alle selbstbewusster, intelligenter, gebildeter, und vor allem enthusiastischer zu sein als ich. Ich würde mich in der Gegenwart von anderen am liebsten winzig klein machen und einfach nur verschwinden. Was habe ich der Welt anzubieten, außer dieser gewaltigen Leere in mir, die keiner haben will und auch nicht haben kann?

 
Gestern war ich in Hamm und keiner war da. Die Heimat meiner Seele, die Stadt, in der ich die beste Zeit meines Lebens verbracht habe, und niemand war zuhause. Sie haben alle angefangen, weiterzuleben, neue Strukturen zu bilden, alte aufzulösen. Ich hatte mir so sehr gewünscht, für einen Abend ein bisschen Trost zu finden in einer Welt, die mir immer die Sicherheit gegeben hat, dass alles noch so ist wie es war, als man das letzte Mal da war. Aber diese Welt gibt es auch nicht mehr. Ich hänge haltlos in der Luft, drehe mich im Kreis und nichts ist mehr von Bestand, wenn ich Beständigkeit brauche.

4.5.08 09:09


29.4.08 Endlich schlaflos!?

Hab vorhin in kleinem Eifer (der gerade rapide durch Müdigkeit ersetzt wird) auf einer US-Seite gepostet. Weiß noch nicht, ob ich daraus mal eine Tradition mache, aber dies hier ist eine, würd ich sagen. Daher kopier ich den Text mal hierher. Wer weiß, entweder versinkt dieser Versuch schon bald wieder in der Vergessenheit, oder hier kommt jetzt öfter mal was auf Englisch dazwischen...:

 

 

it's midnight, and i'm wide awake. haven´t had this in years. they had to drive me home today, said i was much too pale, even for my own standards. said i shouldn´t drive a car. i didn´t. not until later. i guess that´s what it´s like when they take my blood away after all.

what stupid rubbish, opening a diary at midnight, in a foreign language, on a foreign country's site. let's see where it gets me. maybe there is intelligent life on this planet somewhere. not that i would assume it to be in the US - i just thought english is the only universal language i can speak a little.

i guess tonight i don´t write for myself anyway. i write for whoever might be reading this. i seem to be too stupid to post pictures here, so i´m here, only writing. i´m not in my bed because i´m sleepless for the first time in years. i never had a sleepless night, but this one is killing me. i´m wearing my bathrobe, my fingernails are green, my hair is red and greasy, sorry guys. i can´t focus on my studies right now, i do not have a tv set, and i´m not in the mood for one of the thousands of illegally downloaded film files on my pc (yah, sure...whatever). i have no book i haven´t read before. not here. not in paper with actual pages.

what do you do with sleepless nights? telling the part of the world that is awake about yourself? i can't say who or what i am, and people who can are usually stupid and simple (yah i know it's the same), in my humble opinion. but it's easy to say what i'm not. i'm not funny, nope, no entertainer here. i´m a cynic, and i make use of sarcasm once in a while, but if you think that makes me funny, you have completely misunderstood me. i'm not sexy either, if that's the reason for anyone to read all this crap in here... i'm a good-looking woman, and i'm sensual, but i won't tell you much about that, so no hopes up, please. i'm not  one of those creepy little overrated psychos that tell you about how cool they are if they are only lost and in pain and suicidal members of some subculture, and melancholic and vain. bullshit. i am a working-class university student with studies, jobs and a kitchen i share with nine other women. i don't have time for teenage stupidities. am i a world-hating maneater? no, of course not. i don't hate the world, just the people in it. I love nature. and i wouldn´t eat men. they only taste good if you swallow them with love, and i don´t have much of that to offer at the moment.

usually i sleep whenever i have a free minute. my bed is my best friend. i have four alarm clocks and a straying cat who wakes me up quite regularly, and sometimes all of them are making noise in the morning, and i just don´t wake up until somebody comes in, shakes my arm or my foot, sits down at my desk, messes up my impeccable order and shouts some sentences that end with "... and can i have a cigarette?". why am i awake tonight? i have no idea. could be the moon. or my cycle. or my bad health today. or the new pills. for two weeks i´ve been having them now. they kill me. hopefully not literally, but in any other sence they do. my psychosis is vanishing, but at some points during the day i just sit there and i'm too tired to even lift an eyelid. usually when i'm attending a seminar. or when i'm working. i must talk to the doc, must get out of that pill-deal.

mon ami, my little straying furry black friend is back. he`s all wet; it`s raining outside. he's already in my bed. i'll go with him now and try my best...



29.4.08 01:34


20.4.08 Ich brenne

Ich liege eigentlich schon im Bett seit über einer Stunde. Ich kann nicht schlafen. Meine Haut fühlt sich heiß an, als hätte ich Sonnenbrand. Habe ich aber nicht. Ich habe ein wenig Schüttelfrost, und mein Herz klopft heftig. Cat macht oben wieder Party. Diesmal mit Alex und Julien, die vorhin von mir abgehauen sind, als ich unausstehlich wurde. Ich habe Magenschmerzen und Wadenkrämpfe. Gerade eben ist mir eingefallen, dass ich dehydriert sein könnte. Ich habe nichts angestellt, was darauf hindeuten könnte, aber andererseits bestand meine Flüssigkeitsaufnahme heute auch ausschließlich aus Kaffee und Alkohol. Also ist die Möglichkeit durchaus gegeben.

 
Heute war ein Tag im Garten. Ich habe das Referat nicht einmal angefangen, das ich morgen halten soll. Egal, morgen früh ist auch noch Zeit. Ich würde so gern schlafen, ich bin todmüde. Aber meine Gedanken sind bei André. Was ihm am heutigen Tag passiert ist, war abzusehen; ich hatte erwartet, dass mich sein sardonisches Gefühl der Freude packen würde, wenn er abserviert wird, und dass ich mich dafür schämen oder hassen würde. Aber als er vorhin hier saß und wir ungefähr drei Sätze über die ganze Geschichte gewechselt haben, als er Tränen in den Augen hatte und seine Stimme ihren Halt verloren hat, da habe ich nur seinen unendlichen Schmerz gespürt, habe Heike gehasst dafür, was sie ihm antut, und ich hätte ihn am liebsten einfach nur in die Arme genommen. Habe ich nicht. Habe seine Distanz respektiert. Hätte beinahe mit ihm mitgeheult, aber auch das tat ich nicht. Manche Dinge kann man sich besser mitteilen, wenn man nebeneinander sitzt und geradeaus guckt. So wie auf der Treppe vorhin. Ich wäre jetzt so gern bei ihm, vor allem da ich weiß, dass er keine fünfzig Meter von mir entfernt in seinem Zimmer sitzt. Vorhin war dieses Gefühl der Machtlosigkeit grauenhaft, dieses Gefühl, nichts für ihn tun zu können. Was will man als Freund schon tun, wenn dem Anderen das Herz bricht? Gar nichts kann man machen, das weiß ich noch von daher, als er mir das Herz gebrochen hat.

 
Noch dazu verspüre ich eine rasende Eifersucht, weil er und Cat sich seit kurzem plötzlich super verstehen. Meine zwei besten Freunde scheinen plötzlich prächtig ohne mich klar zu kommen. Ich fühle mich wie im Kindergarten mit diesen albernen Emotionen, aber sie sind wie ein weiß glühender Ball. Mal schauen, ob ich mit diesem Ball in meinem Magen irgendwann schlafen kann.

20.4.08 23:07


14.4.08 Neue Smarties

Holla, was für krasse Nebenwirkungen… Zuerst hab ich nur geschlafen, Samstag und Sonntag. Habe nicht nur die Wecker nicht gehört; selbst Ami war schon ganz heiser, als er mich endlich wach bekommen hat. Gestern war mir schlecht und schwindelig. Beim arbeiten dachte ich, ich falle entweder in Ohnmacht oder muss kotzen. Glücklicherweise ging der Kelch noch mal an mir vorbei. Heute ist der Schwindel noch da, die Übelkeit jedoch nicht. Ich sehe bestimmt komisch aus beim Laufen. Ich selbst merke keine Veränderung, außer dass ich nicht mehr auf einem Bein stehen kann, aber Betrunkene merken ja auch nicht, dass sie nicht mehr laufen können. Und ich bin schwach. Es fühlt sich an wie diese Schwäche, die man direkt nach dem Aufstehen hat, wenn die Muskeln noch am schlafen sind und kläglich versagen, wenn man ein Marmeladenglas öffnen will. Genauso geht es mir jetzt. Gestern abend hatte ich die gleiche Geschichte mit einer Flasche Wasser im Garten. Ich hab sie nicht aufgekriegt, und alle haben mich ausgelacht. Super Sache. Ich versuche heute mal alles mit dem Fahrrad zu erledigen; ich traue mich nicht ans Steuer, Regen hin oder her. Nur den kleinen Berg auf dem Weg zur Uni werd ich wohl nicht schaffen mit den schwachen Beinen. Richtig in die Pedale treten muss ich wohl auf einen anderen Tag verschieben. Also zufuß das ganze. Ich kann noch nicht sagen, ob ich denken kann. Gestern konnte ich es nicht. Überhaupt gar nicht. Nachhilfe geben war so gut wie unmöglich. Ich setze mich gleich irgendwann in die Bibliothek und probiere es aus. Fühlen kann ich auch gerade nicht. Aber das kann ich sonst auch nicht richtig, also heißt die Diagnose hier bisher einfach: keinerlei Veränderung. Weitere Beobachtungen folgen…

14.4.08 09:32


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