Sonnenuntergang
Tagebuch



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10.4.08 Coole Vögel

Es geht mir recht gut heute. Die Sonne hat das erste Mal ihre noch schwache Wirkung getan. Ich bin Fahrrad gefahren und hatte direkt nach ein paar Minuten ernsthaftes, ekelhaftes Asthma. Das Schwindelgefühl war auf seltsame Weise ein Gefühl der Lebendigkeit, und meine verschleimten Bronchien haben mir Adrenalin durch die Adern gejagt – Leben durch die Adern gejagt. Das klingt zynisch, aber heute kann ich drüber lächeln. Ich war den ganzen Tag unterwegs, hungrig, ohne Pause. Jetzt bin ich körperlich erschöpft, aber mein Geist ist noch wach. Ich kann mich noch immer auf nichts konzentrieren, daher fällt lesen jetzt flach, und einen Film zu gucken wahrscheinlich auch. So viel Zusammenhang kriege ich heute nicht mehr auf die Reihe.

 
Die Besserung hatte ich ja schon vorausgesehen – ich rechne ja schon seit Tagen damit. Sie ist eine Mischung aus Panik aufgrund meiner eigenen Unfähigkeit, größer werdendem Druck, Frühling, Semesteranfang, Veränderung allgemein. Langfristige Veränderungen tun mir immer recht gut geistig. Am meisten ist es aber wohl die Angst vor und die Hoffnung auf die neuen Medikamente. Gerade schleiche ich die alten aus; wahrscheinlich am Wochenende dann geht es los mit den neuen. Ich hoffe so sehr, dass sie mir nicht das bisschen Besserung wegnehmen, das ich heute so deutlich gemerkt habe. Ich bin über die Flure gegangen und fand all die Leute, die an mir vorbei gelaufen sind, weniger eklig. Ich habe meinen Kopf seltener gesenkt, den Walkman häufiger aus gehabt. Ich habe Türklinken und Geländer mit bloßen Händen angefasst. Mir war zwar immer noch jedes Mal bewusst, dass ich wieder eine eklige Türklinke oder ein Geländer anfasse, aber ich habe nicht meinen Ärmel über die Hand gezogen. Und die Blicke all der anderen schienen mir nicht mehr ganz so destruktiv wie sonst. Selbst eine solch kleine Verminderung des Leids habe ich schon genossen wie andere den schönsten Sommertag ihres Lebens genießen. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich noch so ein paar Tage wie diesen habe, und vielleicht sogar noch bessere. Bitte bitte bitte neue Pillen, macht mir das nicht kapputt.

 
Ich war eben mit Alex in der Bibliothek, um an meinem Laptop zu fummeln, und während er gemacht und getan hat und ich ein wenig unruhig war, schaute ich nach draußen. Von unserem Platz aus konnte ich durchs Fenster den halben Campus überblicken, vor allem die Betonlandschaft unseres Hauptforums. Zwischen den Betongebäuden, Betonflächen und Betontreppen sind vereinzelt so kleine Betonhügel aufgebaut mit Erdkübeln drin, und darin wachsen mickrige kleine verkrüppelte Bäumchen, die jetzt noch gar keine Blätter haben. Die Erde um sie herum ist allerdings mit Stiefmütterchen bepflanzt (glaube ich; die Fenster sind wirklich recht weit weg, und ich bin kein Botaniker). Die kleinen Blüten leuchten jetzt schon und machen kleine Farb-Oasen in die Betonwüste. Aber das beste war einer dieser Krüppel-Bäume, der etwas abseits von den anderen in seinem Betonhügel steckt und ein wenig höher ist als die anderen. Er hat mitten in seinen höchsten Zweigen ein riesiges Vogelnest eingebaut, wahrscheinlich noch vom letzten Jahr, aber wirklich ein enorm großes Vogelnest, eingeflochten in eigentlich viel zu dünnes Geäst, entblößt dadurch, dass der Baum noch kahl ist. Es ist so dicht und schwer, es schwankt immer ein wenig im Wind. Ich wunderte mich, wie es dort einfach so sein konnte, als sei es schlicht um die Gravitation drum herum gebaut worden. Und dann dachte ich, was das für ein Vogel sein muss, der mitten in der Mitte des Campus, auf dem belebtesten aller Plätze, im Zentrum dieses Platzes, in den allerobersten Zweigen dieses dürren Baumes ein Nest bauen konnte. Das Nest sitzt dort wie ein Blitzfänger. Ich habe beschlossen, diesen Vogel schlicht cool zu finden, und die Entdeckung, dass es irgendwo dort draußen einen solchen coolen Vogel gibt oder gegeben hat, hat für mich die Nicht-Ganz-Vergeblichkeit dieses Tages besiegelt. Heute war nicht alles fürn Arsch. Es gibt coole Vögel.

10.4.08 21:21


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6.4.08 Drogennacht

Heute nacht ist gut. Ich habe das erste mal überhaupt Extasy ausprobiert. Ich dachte, was zur Hölle, wenn ich nächste Woche vielleicht Zeug kriege, das mich für wer weiß wie lange von jeglichem Amusement fernhält, warum jetzt nicht noch mal die Sau rauslassen? War eine sehr gute Idee. Ich fühle mich flauschig und gut aufgehoben. Bin zudem noch besoffen. Bin nicht feiern gegangen auf irgendeiner hirnlosen Party, sondern habe den Abend mit Cat hier verbracht. Wir haben viel diskutiert von dem, was schon tausendmal gesagt wurde, und auch ein paar Sachen einfließen lassen, die noch nie auf dem Tisch gewesen sind. Ich hätte mir sogar gewünscht, dass noch mehr Drogen im Spiel sind. Ich höre Garbage, und Erinnerungen werden in mir wach, die ich lange nicht mehr so in meinem Kopf habe herumgeistern lassen. Das Album habe ich zuletzt vor Jahren auf dem Weg zur Arbeit gehört, wenn der Rest der Welt schlief, Pocket Coffee auf meinem Beifahrersitz, und als der Sonnenaufgang nur für mich da war.

 
Let’s pray for something to feel good in the morning. Wir haben uns viel über Familie unterhalten und über die diversen Einflüsse auf unser Leben. Erklärt trotzdem nicht alle Merkwürdigkeiten. Macht aber nichts. Ich habe mich heute seit langem endlich mal wieder ein bisschen gut gefühlt, zwischenzeitlich sogar ziemlich flauschig, und ich hoffe, dass das auch Nachwirkungen hat, wenn ich wieder nüchtern bin. In solchen Momenten merke ich erst einmal, was für krasse Wortfindungsstörungen mich in der Hand haben, wenn ich nüchtern bin. Obwohl ich weit davon entfernt war mich komplett auszuquatschen heute abend, konnte ich doch Dinge in Worte fassen, die mir sonst niemals gelingen würden. Das war auf jeden Fall eine Erleichterung. Ich geh jetzt schlafen, hoffe das Runterkommen wird nicht allzu übel.

6.4.08 02:20


3.4.08 Besoffen und angepisst

Ich bin total voll. Musste trinken, nachdem ich Heike und André ein paar Mal vor meinem Fenster vorbeilaufen sah. Ich schaff es einfach nicht mehr, die Frau zu mögen, weil ich sehe, dass es ihn glücklich macht, wenn sie da ist. Ich hasse sie, weil ich sehe, wie unglücklich er ist, wenn sie nicht da ist. Und sie ist ja noch nicht einmal richtig weg. Der Hass macht einen komischen Ball aus meinem Magen; ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Dem bin ich heute entgangen, indem ich Vodka in mich reingeschüttet habe. Hat geklappt. Ich habe zwar ein ziemliches Kommunikationsbedürfnis, weil ich jetzt offensichtlich in der Lage bin, Dinge in Worte zu fassen, die ich sonst nicht in Sprache kleiden kann; allerdings habe ich jetzt auch mein Kommunikationsbedürfnis an verschiedenen Leuten ausgelassen hier im Wohnheim, so dass mir jetzt nicht mehr der Sinn danach steht, hier alles mögliche aufzuschreiben. Das wäre auch viel zu anstrengend, weil ich hier jeden Satz vor lauter Tippfehlern zwanzig Mal verbessern muss.

 

Wieder mal habe ich heute nichts geschafft von den Dingen, die die Welt so von mir erwartet, (und ich habe gerade in meinen Becher reingepackt), und wieder einmal habe ich eine Situation geschaffen, die sich perfekt eignet für grässliche morgendliche Reue, und wieder einmal ist es schwer, meinen Kopf auch nur einige Minuten bei der Sache zu halten. Heute war es sogar so schlimm, dass ich meinen Besuchern (von denen ich heute mehr hatte als sonst) nicht mehr geistig überall hin folgen konnte, sondern immer wieder weggedriftet bin ins Wer weiß wohin.  Sie alle haben mir viel Glück gewünscht für meinen Medikamentenwechsel. Da wird ich nicht viel von haben. Trotzdem danke, ihr lieben Leute. Jetzt habe ich meinen Becher umgestoßen. Morgen wird’s wieder furchtbar, weil der Druck auf mir lastet, all das zu schaffen, was gestern und heute nicht geklappt hat. Wenn ich einen regulären Job hätte, wäre ich schon zehn Mal rausgeflogen – tagelang in geistigem Stupor vor sich hinzusiechen, bevor man dann an einem Tag plötzlich messerscharf dabei ist und mit viel Panik und Schwitzen und hektoliterweise Kaffee doch noch fünf vor Zwölf alles hinkriegt – das wird allgemein nicht gerne gesehen. Ist ja auch eine suboptimale Vorgehensweise. Wie auch immer – ich habe heute wieder gelernt, dass ich eigentlich genauso blöd bin wie all die Leute, denen ich genau das immer wieder vorwerfe. Das ist Grund genug für mich, jetzt einfach die Brocken hinzuschmeissen, mich in meinem Bett zusammenzurollen und zu hoffen, dass die Welt wieder besser ist, wenn ich wach werde. Vielleicht sollte ich mich vorher noch mal übergeben, damit dieser unangenehme Drang mich nicht nachts weckt und auch noch meinen bemitleidenswerten Geist dazu wach macht. Kotzen soll ja einen flachen Bauch machen, sagen zumindest diese dämlichen Essstörungs-Girlies, die eigentlich so doof sind, dass sie die Schweine beissen, von deren Eigenarten ich mir aber nichtsdestotrotz auch die ein oder andere anzueignen scheine auf die Dauer. Warum bloß? Gute Nacht.

3.4.08 21:25


2.4.08 Ich setze alles auf Chemie

Nächste Woche kriege ich eine Medikamentenumstellung. Ich habe Riesenangst und Riesenhoffnungen. Ich will nichts bekommen, was mich sediert, das wäre wie ein Todesstoß. Fast alle Wirkstoffe, die für mich eventuell in Frage kämen, haben aber genau diese Nebenwirkung. Noch mehr Müdigkeit – das würde mir das Genick brechen. Ich habe selbst recherchiert und noch ein Mittel gefunden, auf das dies mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit zutrifft. Ich werde die Ärztin fragen, ob das als Alternative in Frage käme. Darauf hoffe ich sehr, denn die angegebenen Wirkungsweisen lesen sich für mich wie aus einem Märchenbuch: das Zeug soll Wahnvorstellungen und Depressionen bekämpfen, einen für soziale Kontakte öffnen, chronisches Misstrauen und Angst verringern und gegen Antriebslosigkeit helfen. Klingt, als wäre es genau für mich entwickelt worden. Ich weiß, ich sollte mir nicht allzu große Hoffnungen machen, aber allein die Möglichkeit, dass sich in meinem Leben irgend etwas wieder zum Positiven entwickeln könnte, ist schon genug. Irgendwas muss ich doch haben, an das ich mich klammern kann…

 
Als Cat und ich uns über das Thema unterhalten haben meinte sie: „Ich hoffe so sehr für dich, dass du bald endlich wieder ein normales Leben führen kannst.“ Da ist mir erst einmal aufgefallen, wie unnormal und eingeschränkt mein Leben überhaupt ist zur Zeit, und wie anders das einmal gewesen ist. Im Alltag fällt mir das sonst nicht so auf, weil ich ja nicht die ganze Zeit darüber nachdenke (im Gegenteil – ich verdränge es die meiste Zeit über), und weil ich nun mal drinstecke in diesem Leben und es für mich zum Normalzustand geworden ist. Auf die Außenwelt wirke ich bestimmt schon reichlich merkwürdig, aber wie verheerend und verbaut es in meinem Inneren überhaupt aussieht, könnte man selbst dann nur ansatzweise verstehen, wenn man meinen bitteren Sarkasmus und mein Schweigen zu wichtigen Themen auch mal ernst nimmt – aber dann hätte man mich auch direkt als geisteskrank entlarvt. Ich will raus aus dieser Situation, ich will weg von meiner ganzen Paranoia, ich will Menschen auch mal wieder ohne diesen zynischen Filter wahrnehmen, der mir durchgehend keine andere Wahl lässt als Distanz. Ich will nicht mehr jeden Schritt in jede Richtung als Kampf wahrnehmen, und jeden Rückzug in den Stillstand als Flucht vor der Welt. Ich will keine Schuld mehr, und ich will keine Angst mehr, vor allem vor solchen Blödsinnigkeiten wie Bürokratie.

 
Ich war an der Uni und habe über mein Thema für die Abschlussarbeit verhandelt, mich aber noch nicht angemeldet. Ich sagte, ich will mich frühestens in 2 Wochen offiziell anmelden, nach der Medikamentenumstellung, wenn ich mit Sicherheit sagen kann, dass die neuen Pillen mich nicht arbeitsunfähig machen. Die Angst habe ich wirklich, aber sie war für mich bestimmt nur zur Hälfte der Grund, die Anmeldung zu verzögern. Die andere Hälfte war definitiv die reine Angst vor der Anmeldung an sich, vor dem ganzen Prozedere, der Rennerei und dem Papierkrieg. Die Angst ist nämlich wirklich furchtbar. Cat ist auch gerade dabei, und sie kam eben erst von der Uni wieder, und hat mir etwas sehr Krasses erzählt: mein Name hat ihr heute Türen geöffnet bei meinem ehemaligen Prüfer. So etwas hatte ich bisher auch noch nie gehört. Auf der einen Seite streichelt das das Ego ungemein, auf der anderen Seite geht dieses Gefühl, klein und unzulänglich und rechtlos zu sein, einfach nicht mehr weg, auch nicht nach einem solch heftigen Kompliment. Ich bräuchte einen Manager, der überall hingeht und alles für mich regelt, so dass ich nur noch inhaltlich arbeiten müsste. Hätte ich so einen gehabt in den letzten Jahren, dann hätte ich bestimmt schon meinen Master. Ich weiß, dass viele Studenten dieses Problem haben, aber ich möchte mal wissen wie viele von denen morgens im Bett aufwachen und noch im selben Moment die Decke enger um sich ziehen, sich zusammenrollen und gegen die Tränen ankämpfen. So kann man nicht leben, nicht auf Dauer. Ich erst recht nicht. Bitte, bitte, ich hoffe so sehr, dass ich nächste Woche neue Pillen kriege, die mal ein tatsächliches Wunder bewirken.

2.4.08 11:22


31.3.08 Montag

Ich bin vorhin wach geworden mit einer riesigen Angst vor der Welt. Ami war nicht da, das erste Mal seit längerem nicht, und ich musste an all das denken, was mir das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit gibt. Ich hab versucht es zu verdrängen, aber der Wecker hat es dann in meine Realität zurück gebracht. Mein Herz ging zu schnell, und ich hatte das erste Mal Angst, dass mein Bett als Zuflucht für meinen Kopf vielleicht bald nicht mehr funktioniert. Ich musste an die Uni denken und an Türen, an die ich klopfen muss, an Formulare, die ich ausfüllen und Gespräche, die ich führen muss. Ich musste an André denken und die furchtbare Gewissheit, dass Schweigen mit ihm einfach nicht mehr so easy ist wie früher. Schätze, er ist jetzt bessere Unterhaltung gewöhnt. Schätze, ich würde ihn auch lieber anschreien.

 
Ami ist jetzt da, und mir fiel ein, dass er eigentlich auf die Minute pünktlich war – was kann er dafür, wenn wir am Wochenende die Uhren umstellen? Er hat gefuttert und liegt jetzt in meinem Bett, will sich aber nicht streicheln lassen. Er hat bestimmt wieder gekämpft letzte Nacht und hat neue Kratzer unter seinem regennassen Fell. Ich weiß nicht, was gerade los ist, aber mein Magen fühlt sich ganz zusammengezogen an, und ich habe Tränen in den Augen. Normalerweise bin ich um diese Zeit einfach nur leer und erledige die morgendliche Routine wie ein Roboter. Heute habe ich es gerade bis zum Zähneputzen geschafft. Jetzt fühle ich mich taub, tonnenschwer, und die Tränen rollen sogar ab und zu. Ami geht gerade wieder weg.

 
Ich hab in meinem Kopf vorhin im Bett wieder das gesamte Phänomen Liebe als grausame, zerstörerische Illusion entlarvt, die uns nur runterzieht, unser Leben kaputt macht, uns weit unter unseren Möglichkeiten bleiben lässt, uns klein hält, uns leiden lässt, uns zeigt, dass wir schlechter sind als irgendwer anders. Und wir lassen sie nur zu, weil sie so ein kleines Gefühl von Sinn in unser Leben lässt. Danach lechzen wir so sehr, dass wir unseren Kopf mit uns machen lassen, was immer er will. Ich liebe unerwidert, und ich kann nicht aufhören damit, kann es mir nicht verbieten. Wahrscheinlich ist André es nicht einmal wert, dass er überhaupt irgendwie geliebt wird, aber das werde ich nie erfahren, denn ich tue es nun einmal. Und er ist genauso blöd. Seine Liebe ist zwar nicht unerwidert, dafür aber nicht weniger masochistisch. Er ist bloß ein netter Zeitvertreib für ein kleines Mädchen, die ihn an die Seite stellen wird, sobald sie woanders spielen will. Um sein Herz kümmert sie sich einen Dreck, und er weiß das. Klar ist das alles nicht so schwarz-weiß, aber am Ende läuft es immer auf schwarz oder weiß hinaus, wie viele Schattierungen es vorher auch zwischendurch gegeben haben mag. Was machen wir hier eigentlich alle? Sind wir auf der Welt, um uns selbst noch besser zu verarschen als alle anderen? Und würden wir es nur einen einzigen Tag weiter aushalten, wenn wir damit aufhören würden? Wie scheußlich und kalt ist die Welt, wenn man sie von der Illusion Liebe entkleidet, wenn wir selbst mit Liebe in ihr sagen, dass wir uns selbst für einen anderen Menschen aufgeben würden? Das ist nicht nobel, das ist dämlich. Das ist nicht der Wert von Liebe, das ist nur die Abwesenheit von Wert von uns selbst. Es ist dumm. Jeder, der jemals einem anderen Menschen dabei zugesehen hat, wie dieser sich für einen dritten aufgibt, weiß, dass das dumm ist.

31.3.08 07:34


26.3.08 Ohne Zauber

Ich sitze wieder hier und versuche schon die ganze Zeit, den Tag zu beginnen. Gestern hab ich von allem ein bisschen gemacht, aber nur so viel, dass es am Ende doch von allem zu wenig war. Habe mich noch immer nicht für die Kurse angemeldet. War noch nicht an der Uni, um meine Sachen zu regeln. Habe noch nicht die Klausurergebnisse des letzten Semesters nachgeschlagen. War seit Samstag nicht mehr vor der Haustür. Die Welt ist einfach zuviel für mich. Ich brauche einen Manager. Ich bin nicht mal ans Telefon gegangen in den letzten Tagen. Auf meiner Mailbox stapeln sich die Anrufe, und ich will gar nicht wissen, von wem die sind. Ich ersticke hier, und hab nicht genug Energie, dem allen zu entkommen. Mein Körper ist so kalt, dass ich ihn mit Kaffee, Wärmflaschen und Pulloverschichten warm halte, während kein anderer friert außer mir. Sie sagen alle, ich soll mich einfach mal ein bisschen bewegen, aber wenn ich das tue, fang ich an zu heulen vor lauter Frustration. Es ist so als verdränge ich permanent die ganze furchtbare Sinnlosigkeit, aber sobald ich mich bewege, sobald ich nicht mehr denken kann (denn das konnte ich noch nie, wenn ich in Bewegung war), bricht sie einfach hervor und überschwemmt mich.

 
Ich habe die Magie verloren. Das umschreibt es ziemlich gut. Ich kann an nichts glauben was über das nackte, nüchterne Sein hinausgeht. Ich sehe es ständig, nicht nur in Filmen, sondern auch im wahren Leben bei den Menschen um mich herum, dass sie alle Kraft ziehen aus irgendeiner Art von Zauber, den sie wahrnehmen. Sie empfinden Faszination für andere Menschen, fühlen es knistern zwischen sich und ihnen, sie spüren besondere Verbindungen zu ihren Liebsten oder zu ganz speziellen Freunden. Sie klassifizieren Situationen als romantisch, Gesten als rührend. Sie lassen sich mitreißen in Menschenmengen, in Trance entführen beim Tanzen. Sie glauben, ihr Hund empfinde Freundschaft, und sie interpretieren eine erotische Spannung in eine Begegnung hinein. Sie fühlen Teamgeist beim Sport, und sie lassen ihr Körperempfinden in ätherische Sphären erheben, wenn sie sich mal gesund ernähren. Sie glauben an Gott und an Unheil, sie glauben, dass der Mensch von Grund auf gut ist oder von Grund auf schlecht. Sie glauben, dass Liebe alles besiegen kann. Das hat alles nichts mit der Welt zu tun, wie sie schlicht und einfach ist, ohne Verklärung, ohne Interpretationen. Denn so sehe ich die Welt, und wenn ich ihnen auch nur im Ansatz davon erzähle, all die Schnörkel weglasse, dann verschwindet das Lächeln aus ihren Gesichtern und sie nennen mich zynisch. Warum ich mich hier beschwere? Nicht weil ich kritisiere, wie sie denken und empfinden, sondern weil ich sie beneide, weil ich das auch gerne hätte.

26.3.08 10:17


24.3.08 Na frohe Ostern.

Ich bin die meiste Zeit über wieder so dissoziativ, dass ich mir vorkomme als lebe ich mit einem Kubikmeter Watte um mich herum. Gestern habe ich den ganzen Tag geschlafen, und fast die ganze Nacht. Wenn ich wach bin, muss ich die Realität immer wieder gewaltsam an mich heranziehen, weil sie meinem Kopf einfach entgleitet. Das ist unglaublich anstrengend. Und zur Zeit nehme ich mehr als stark die Differenz wahr zwischen dem was ich bin und dem was ich sein will. Tief in meinem Kopf habe ich eine Idee von mir selbst, aber was ich davon in den Alltag mit hinüber schleppe ist marginal. Wenn ich so handeln würde wie ich es mir so oft ausmale, wäre ich nach kürzester Zeit komplett erschöpft. Nicht auf die Art erschöpft, wie ich es jetzt die ganze Zeit schon bin, sondern unwiederbringlich. Ich kann mir nicht lauter Dinge vornehmen, die ich tun will und die einen riesigen Haufen Energie verbrauchen, wenn ich nicht zwischendurch auch durch irgend etwas Energie zurück bekomme. Und genau da liegt das Problem. Alles, jede Kleinigkeit, kostet mich Unmengen an Kraft. Jemanden um etwas zu bitten ist für mich so anstrengend wie für andere Leute ein Beziehungsdrama. Einkaufen zu gehen kostet so viel Kraft wie für andere ein Triathlon. Mit der Kraft, die ich morgens fürs Duschen und Anziehen brauche, könnten andere ihr Wohnzimmer tapezieren. Und es gibt keinen Ausgleich, keine Freude, keine Belohnung, die mir wieder Kraft gibt für den nächsten Tag. Das Nichts in der Seele lässt die Gelenke rosten, den Körper schwer werden, schläfert den Verstand ein. Sobald ich wieder eine neue Strategie ausprobiere, um all dem Herr zu werden, erschöpft die benötigte Disziplin meine letzten Kraftreserven.

 
In den letzten Tagen gab es zudem eine ziemlich unglückliche Konstellation hier bei uns: Cat repräsentierte nämlich das genaue Gegenteil von mir. Seit Tagen war sie am wirbeln, niemals ruhig, immer laut, nie bedacht, durchweg fröhlich. An solchen Tagen hasse ich sie, und dann hasse ich mich selbst dafür, dass ich sie hasse. Ich sehe ihre Unbeschwertheit, ihre Energie, und werde mir dadurch doppelt bewusst, wie gerne ich auch nur ein einziges Mal wieder so etwas erleben möchte, wie sehr ich sie beneide. Ich kann mich ihr dann nicht entziehen, denn sie ist ja immer überall, laut, schrill, ausgelassen, fröhlich, und ich realisiere mit Bitterkeit, dass mir so etwas niemals zuteil wird. Und während sie mich fragt, in welchem Shirt sie besser aussieht, frage ich mich, warum ich mich in der letzten Zeit jeden Tag aufs neue selbst daran erinnern muss, wieso ich mich nicht umbringe. Jetzt ist Cat weg, verbringt auswärts ein paar Tage mit ihrem homme du jour. Das Haus ist wieder still. Ich sitze hier, erinnere mich an den ganzen letzten Monat, bevor sie wieder so aufgedreht ist, wie lieb ich sie doch eigentlich hab, und schäme mich der garstigen Gedanken der letzten Tage. Und doch bin ich mir sicher, dass wenn sie wieder kommt und immer noch auf dem Party-Trip sein sollte, ich genau die gleichen Gedanken wieder haben werde. Ich kann nicht aus meiner Haut.

 
Nach dem katastrophalen Tag gestern habe ich mich heute hübsch gemacht (hat tatsächlich geklappt), nur für mich, oder mit anderen Worten für nichts und wieder nichts. Habe mit der halben Besatzung in der Küche gesessen und geraucht, hatte Jochen zum Kaffee da und André auch mit dabei, als kleines Programm gegen die Isolation. Gegen die geistige Isolation hat es nicht viel geholfen. Ich war froh, dass ich den Gesprächen folgen konnte. Ich versuche, etwas zu tun, was auch immer, irgend etwas produktives, irgendwas das ich von meiner Liste abhaken kann, aber was ich auch versuche, es bleibt zu wenig. Und im Laufe der letzten zwei Wochen habe ich alle Leute, die irgendwas von mir wollten, auf Ostern vertröstet, weil mir alles zuviel wurde. Jetzt ist Ostern, sie alle haben mich bombardiert mit SMS, mails oder über icq, und ich habe keinem geantwortet. Habe mir die Nachrichten noch nicht einmal angesehen. Mein Verstand hat eine Art der Verdrängung äußerer Reize erreicht, die dem Zuhalten von Augen und Ohren bei gleichzeitigem lauten Singen gleichkommt. Ziemlich perfekt. Vielleicht sollte ich mir mal überlegen, ob es irgend einen Beruf gibt, bei dem mir diese Fähigkeit von Nützen sein könnte… Das wäre doch mal super – für Derealisation einen Orden verliehen bekommen, oder bezahlt werden. Wie auch immer, let’s call it a day. Ich geh ins Bett.

24.3.08 20:20


18.3.08 Menschenhass am Vormittag

Irgendwann in den Morgenstunden hab ich wieder merkwürdigen Blödsinn geträumt. Ich war mit ziemlich vielen Leuten – alle hier aus dem Wohnheim – duschen, in heruntergekommenen, halb funktionstüchtigen Duschen irgendwo im Keller (ja, ungefähr wie unsere, nur mehr davon, weitläufiger). Und wir waren alle nackt. Der Traum war weder sexuell noch verschämt, und vielleicht deshalb hatte ich ihn so positiv im Kopf, als ich wach geworden bin. Bestimmte Leute waren nicht dabei, und zwar genau solche, die die Bedeutung des ganzen in eine bestimmte Richtung gezogen hätten (kontroverse Figuren wie André oder Janci oder ekelhafte wie Julian); stattdessen kann ich mich an all die erinnern, mit denen ich über die Jahre am liebsten bei nem Bier im Garten gesessen habe: Jochen, Michael, Stefan, Jan, sogar Mariannes Alex war da.  Ich kann mich deswegen an jeden einzelnen erinnern, weil ich ihnen im Traum ins Gesicht gesehen habe, und nur ins Gesicht (wieder eine Abweichung davon, wie es im wahren Leben laufen würde), ohne dass mir das bewusst war. Sie dagegen haben mir nicht ausschließlich ins Gesicht gesehen, zumindest nicht wenn sie ein Stück weiter weg standen. In der Realität wäre mir das hochgradig unangenehm! Aber in diesem Traum hat mir das nicht nur nichts ausgemacht, ich fand es normal, natürlich, und fühlte mich selbst attraktiv. Was haben wir da eigentlich gemacht? Wir haben geduscht, in der Tat. Die Hälfte der Zeit jedoch waren wir bestimmt damit beschäftigt, Duschhähne zu reparieren, heißes Wasser zu finden, zu schrauben, Duschen zu tauschen weil aus einer anderen mehr Wasser rauskommt und so weiter. Die Stimmung war heiter, wie gesagt, nicht verschämt, nicht sexuell aufgeheizt, und doch schon spielerisch, des nicht alltäglichen bewusst, leise aufgeregt, mit dem Schalk im Nacken. Der Grund, warum mir alles im Gedächtnis blieb, war aber dieser natürliche, gute, positive Bezug zu meinem eigenen Körper und meiner Nacktheit und die Normalität des Ganzen, die Selbstverständlichkeit. Als hätte man es nie vorher getan, deswegen nicht alltäglich, aber sofort erkannt, dass dies der ureigenste, richtige Zustand ist. Keine Scham. Kein Ekel. Kein Drang zur Distanz. Ein Zustand, den ich sonst nicht kenne. Danke Traum, das hat mich bereichert.

 
Entsprechend geladen bin ich jetzt hier in der Wirklichkeit. Die Realität stellt so einen Kontrast dar zu der geträumten Zwanglosigkeit, dass ich hier und jetzt wieder alles verachte, was menschlich ist, Menschen betrifft oder von Menschen gemacht ist. Ob ich meine Nachbarin nebenan rumoren höre, ob es draußen das Personal ist, die Stimmen im Radio, die E-mails in meinem Postfach, geschrieben von irgendwelchen Menschen, die irgendwas von mir wollen, mich nicht einfach in Ruhe lassen können. Wenn ich auch so manches Mal denke, dass das Wort Misanthrop zu harsch sei, um mich zu charakterisieren, in Momenten wie diesen muss ich wieder einsehen, dass es haargenau zutrifft. Ich hasse sie alle. Ich hätte am liebsten eben bei der Radiosendung angerufen und dem Moderator mitgeteilt, dass sich, wenn es nach mir ginge, doch alle Leute einfach nur gegenseitig die Köppe einschlagen sollen, sich gegenseitig dezimieren, zumindest soweit, bis mal wieder n bisschen Ruhe herrscht. Dem Vorwurf der fehlenden Ethik hätte ich entgegnet, dass wenn es Moral auf der Welt gäbe, der Mensch gar nicht so rumlaufen, Bullshit von sich geben, seine Umgebung verpesten  und sich vermehren könnte wie er das nun mal tut. Die Natur ist nun mal nicht moralisch, und wir sind ein verfluchter Fehler, der die Kontrolle übernommen hat und sich selbst dadurch rechtfertigt, dass es ja so was wie Ethik gibt, und nur der Mensch mit seinem Gehirn in der Lage ist, sie sich einzubilden und sich darauf auszuruhen… Im Geiste spuck ich gerade auf den Boden.

 

Ich hätte vorhin am liebsten durch lautes Brüllen meine Mitbewohner als das geoutet, was sie sind, ich hätte am liebsten meiner Nachbarin laut gesagt, dass es ihre pure Anwesenheit ist, die mich in meinem Frieden und meiner Harmonie stört, ich hätte am liebsten der ganzen Welt entgegen geschrieen, dass ich mein armseliges Leben nun mal nicht in ein romantisches rosa Mäntelchen kleiden kann wie alle anderen – ich wollte immer schon Romantik empfinden, aber ich schaff das nun mal nicht! Keine Romantik, keine Faszination, keine Rührseligkeit, keine Inspiration. Hysterie kenn ich nicht. Sehnsucht? Dafür muss man ja einen Willen haben, der etwas herbeiwollen tut. Antrieb? Energie? Nein, abgesehen von ein paar Drogen vor leider mittlerweile sehr langer Zeit durchbricht auch nichts meine Lebensmüdigkeit. Und ja, ich mache immer noch weiter, immer weiter, ich nehm mir keinen Strick. Aber wenn man die Welt jeden Tag nackt und brach wahrnehmen muss, all ihres Pathos beraubt, woraus der Rest der Welt Spaß und Freude schöpft, dann ist nun mal alles ekelhaft und hässlich, weil die Menschen sich ekelhaft und hässlich benehmen. Wenn all die schönen Gesten und Gedanken sich in Nichts auflösen und nur noch Taten zählen, dann möchte ich denjenigen sehen, der es weiterhin wagt, dem Leben einen Sinn und dem Menschen eine Moral zu unterstellen!

18.3.08 10:48


9.3.08 Gleich fange ich diesmal wirklich an

Gestern habe ich endlich mit der ersten Hausarbeit angefangen, nach vier Wochen bitterer Unproduktivität. Es läuft zäh, fast gar nicht. Heute drücke ich mich schon die Hälfte des Vormittags. Gestern Abend habe ich seit langer Zeit mal wieder geweint über die ganze André-Geschichte. Nur kurz, ausgelöst durch eine dumme Serie, in der wieder mal eine Figur rumläuft, die unerfüllt liebt. Ich glaube nicht, dass ich zu sentimental bin – ich glaube, das würde jedem passieren, der nach zwei Jahren Selbstbetrug endlich etwas über die eigenen Gefühle lernt, natürlich genau dann wenn es zu spät ist. Nicht dass es davor irgendeinen Zeitpunkt gegeben hätte, an dem es nicht zu spät gewesen wäre. Das ist ja gerade die Tragik. Absolute Vergeblichkeit. Das würde jeden dazu bringen, auch Monate nach dem Drama noch mal Tränen zu vergießen.

 
Ich setze mich gleich definitiv hin und arbeite. Versenke meine Gedanken im Thema. Das bin ich mir selbst schuldig. Ich renne viel zu weit weg. Hab mich noch nicht fürs neue Semester zurückgemeldet, nicht mal meine Klausurergebnisse nachgeschaut, mich nicht für die Abschlussarbeit angemeldet – gar nichts. Ich habe Angst, dass das Leben mir wieder zu nah auf die Pelle rückt und mich so müde macht. Die Angst allein macht mich ja schon müde. Habe mich selten so unzulänglich gefühlt.

 
Ich habe keinen Appetit. Wenn ich esse, dann aus reiner Vernunft und auch erst abends, wenn ich merke, dass der Hunger des Tages mich mit schummrigem Kopf, weichen Knien und zittrigen Händen zurücklässt. Tagsüber fülle ich nur ab und zu meinen Mund mit Honig. Er ist Zucker für mein Hirn und Geschmack für meine Seele, aber kein Fett, das schwer im Magen liegt oder dick auf den Hüften. Es gibt nur Honig, neben den Obligatorien: Kaffee und Zigaretten. So ein Mundvoll Honig fühlt sich an wie irgendeine ganz bestimmte Situation im Leben, ganz besonders, wenn man versucht, den Honig möglichst lange im Mund zu behalten; ich weiß nur nicht welche. Es fällt mir auf Anhieb nicht ein. Vielleicht später.

 
Vor ein paar Tagen hatte ich mehrfach ein sehr merkwürdiges Körpergefühl: mir war etwas schwindelig, der Kopf war leicht, mein Körper müde und schwach, aber zugleich unruhig, irgendwie unterwegs. Mein Herz klopfte wahrnehmbar, die ganze Zeit über. Ich weiß nicht, was da los war, habe es im Nachhinein meinem Zyklus zugeschrieben, da ich weder Drogen genommen noch sonst irgendetwas ungewöhnliches getan hatte. Ich weiß nur, das Gefühl ist jetzt wieder weg, und ich weiß, wenn mir bekannt wäre, wie man es auslöst, würde ich es mir wieder holen. Es war gut. Ich hatte gute Laune. Es hat mich nach draußen gezogen. Ich habe Türen von öffentlichen Gebäuden mit bloßen Händen angefasst, ohne darüber nachzudenken, und ich habe sogar fremde Leute angelächelt. Ich kam mir nicht ganz so unzulänglich vor in diesen Momenten. Wie kriege ich das bloß zurück?

9.3.08 13:36


25.2.08 Rutschende Hosen

Gerade beginnt wieder einer dieser Tage, für die ich mir so hoch motiviert vorgenommen habe, all das endlich zu beginnen, was die letzten Wochen über liegen geblieben ist. Ich bin schon seit einigen Stunden aktiv. Mein Kopf funktioniert wieder nicht richtig – meine Gedanken bleiben abstrakt, ungreifbar, und gehen auf ihrem Weg in mein Bewusstsein einfach verloren. Vorhin wollte ich einkaufen gehen, hatte die Jacke schon an und die Tasche mit den leeren Pfandflaschen in der Hand, als Ami vor meiner Tür stand und lauthals um Einlass bat. Ich habe sofort alles andere weggestellt, meine Jacke wieder ausgezogen und ausgiebig mit ihm gekuschelt. Jetzt liegt er in meinem Bett und schläft und streckt seine Pfötchen von sich. Und solange er hier liegt, werde ich auch mein Zimmer nicht verlassen, nicht einkaufen, keine Wäsche aufhängen, nicht zur Bank. Es klingt lächerlich, aber ich habe den Eindruck, dieses Gefühl so sehr zu brauchen, ihn einfach nur da liegen zu sehen und sein liebes Gesicht anzuschauen, während er schläft. Dieses kleine Wesen ist Ruhe und Trost, und keinen Moment seiner Anwesenheit würde ich eintauschen für die bedeutungslose Welt dort draußen.

 
Gestern hatte ich wieder einmal so eine Verabredung mit einem der vielen Chatter, mit denen man sich auf einen Kaffee einigt. Habe wieder jemanden kennen gelernt, dessen Welt so eine ganz andere ist als meine. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele unterschiedliche Arten gibt, wie man einander fremd sein kann – offensichtlich lerne ich da nie aus. Aber es soll keiner sagen, ich hätte es nicht versucht. Ich will ja neue Menschen und neue Eindrücke. Ich will ja aus dem Morast dieser Isolation raus, dem schalen Mief des Altbekannten und sich längst nicht mehr Bewährenden. Es ist nur nicht ganz so einfach, wie man sich das manchmal vorstellt. Und vielleicht kann man auch nicht einfach erwarten, Menschen kennen zu lernen, die einen ein Stück weit wecken, die nicht belanglos erscheinen, vor allem dann nicht, wenn diese neuen Menschen sich messen müssen mit anderen, die man eigentlich gar nicht als Maßstab mehr haben will.

 
Vorgestern war in Andrés Küche die Abschiedsparty eines unserer Nachbarn. Ich war nicht lange da, aber ich habe schnell und effizient getrunken an dem Abend. Es waren so viele Leute da, die ich sehr gerne mag – sogar Axel habe ich wieder gesehen. Trotzdem konnte ich den Abend nicht richtig genießen. Ich bin so unendlich müde geworden, kaum dass ich da war. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, und der einzige, mit dem ich die ganze Zeit rum stand und mich unterhielt, ohne das Gefühl zu haben, die Konversation sei komplett überflüssig, war André. Und selbst wir haben über nichts Wichtiges geredet. Zwischendurch waren wir für eine Minute oben bei ihm, weil meine Hose den ganzen Abend am rutschen war und er mir einen Gürtel geliehen hat. Vorher kam ich mir schon immer ganz verloren vor, wenn er mal kurz nicht im Raum war. Aber ich dachte nicht, dass es an ihm lag; ich dachte das liegt daran, dass ich mir momentan generell verloren vorkomme zwischen vielen Menschen, gerade wenn diese Spaß haben. Aber als er mir half, den Gürtel durch die Schlaufen zu ziehen, weil ich zu blöd dazu war, als er für diese drei Sekunden halb um mich herumfasste und mich dabei eigentlich kaum berührte, hat mich das so unglaublich angemacht, dass ich aufpassen musste, nicht schneller zu atmen. Eine an sich komplett unerotische Handlung jagte mir vorgestern eine solch harte Gänsehaut über den ganzen Körper, dass ich wohl immer an diesen kurzen, etwas doofen Moment denken werde, wenn ich mich an diese Party zurück erinnere. Wie soll ich es nur schaffen, über einen Menschen hinweg zu kommen, der noch solche Erregung wegen nichts und wieder nichts in mir auslösen kann?

 
Gestern Abend saß er hier und redete von Heike. Ich schätze ich hatte denselben Gesichtsausdruck wie immer; innerlich kriege ich langsam ein Magengeschwür. Ich hätte ihn am liebsten am Kragen gepackt, links und rechts geohrfeigt, ihn angeschrieen, dass er für sie sowieso nur ein Spielzeug ist und sie ihn in ihrem unreifen kleinen Kopf wie einen Mantel an die Seite hängen wird, wenn ihre nächste ach so erlebnisreiche Weltreise ansteht. Ich bin auch davon überzeugt, dass es ihm selbst ebenso klar ist, und dass er selbst kurz vor diesem Magengeschwür steht, weil er innerlich wegrennt vor dieser Tatsache, weil er einfach die Augen schließt und rennt, so schnell und so weit er kann, sich lieber zynisch bittersüße Geburtstagsgeschenke für sie ausdenkt, als mit Vernunft darüber nachzudenken, wo er denn bleiben wird, wenn sie erstmal weg ist. Es tut immer weh, wenn man sieht, wie Freunde in ihr eigenes Leid hinein rennen, aber es hat mir noch nie so wehgetan wie bei ihm. Trotzdem sage ich nichts, auch wenn ich es am liebsten jedes Mal würde, wenn ich ihn sehe. Ich träume sogar schon nachts davon, wie ich mich mit Heike streite. Ich halte meine Klappe, weil ich ihn nicht vergraulen will. Sollte sie wirklich tun was sie vorhat, sollte sie wirklich verschwinden, dann wird er Menschen um sich brauchen, Freunde, um nicht daran zu krepieren. Ich will nicht, dass er – falls es so weit ist – für sich allein bleibt, weil ich mich vorher mit ihm überworfen habe, nur um ihm Dinge zu sagen, die er sowieso weiß. Ich will, dass er mich da sein lässt, wenn es wirklich übel werden sollte.

 

25.2.08 10:36


21.2.08 Abschied für Süchtige

The West Wing ist zu Ende. Gestern und vorgestern bestimmt jeweils acht Stunden davor gesessen. Das habe ich mit Absicht gemacht. Ich wusste, wie süchtig ich bin, wie sehr mich das alles von dem abhält, was ich eigentlich machen sollte. Also bin ich jetzt mehrere Tage in diese Welt eingetaucht mit Haut und Haar – wenn ich ihr schon nicht entfliehen kann, so kann ich doch wenigstens die Ereignisse in ihr beschleunigen. Wenn ich morgens aufgewacht bin, hat die Auszeit des Schlafens schon bewirkt, dass ich so eine furchtbare Sehnsucht hatte, in der Welt dieser Serie zu sein – meinetwegen auch in jeder anderen, nur nicht in meiner. Ich habe dort geliebt, und manchmal, wenn ich mich hier zurückgelehnt habe, konnte ich mein Herz schlagen spüren. Ich habe Emotionen erlebt, an deren Stelle im wirklichen Leben nur Taubheit und bitterer Geschmack auf mich warten. Und je mehr Sinn jene Welt für mich machte, und je mehr ich mir wünschte, ein Teil davon zu sein, desto geringer war der Sinn in dieser hier.  Was heißt geringer – Nichts kann nicht noch geringer werden – aber desto deutlicher hatte ich dieses Nichts immer wieder vor Augen, sobald eine Folge zu Ende war und dieses Ende mich wieder mit Stille umgab.

 
Ab und zu, zwischendurch, musste ich an die verrinnende Zeit denken, an all das, was ich für die Uni noch nicht gemacht habe, an alles, was ich wieder aufschiebe, wovor ich mich verstecke, was ich bringen muss, weil die Welt es von mir erwartet, damit ich weiter mitspielen darf. Dann schoss mir jedes Mal das Blut in den Kopf, und mein Herz schlug ein wenig schneller, zwischen fordernd und panisch. Aber mein Verdrängungsmechanismus arbeitet so effektiv und wunderbar, dass dieses Gefühl jeweils nur Augenblicke dauerte. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre dabei wenn die Welt untergeht eines Tages. Dann könnte ich das erste Mal meinen Verdrängungsmechanismus in einen garstigen Wettbewerb mit allen anderen Menschen stellen, dann könnte ich endlich auch einmal erleben, dass er mir Gutes tut. Denn ich wäre bestimmt besser als der Rest der Welt, und wenn sie alle in grauenhafter Angst sterben, sitze ich entspannt da, mit irgendeiner Trivialität beschäftigt, und habe tatsächlich vergessen, dass hinter meinem Nacken das Verderben heranrauscht. Solange es jedoch nicht zu Ende ist; solange ich noch immer wieder aufwache jeden Tag und diese Welt auch, bekomme ich immer nur Schwierigkeiten mit dieser Mauer, die mich schützt und mir die Sicht so weit nimmt, dass ich nicht mehr weiß, in welche Richtung das richtige Leben dort draußen geht.

 
So war ich also gestern irgendwann bei der letzten Folge angelangt, nach viel zu vielen Zigaretten und so wenig Bewegung, dass mittlerweile regelmäßig meine Knie krampfen, meine Muskeln zittern und ich das Tageslicht nicht mehr vertrage. Ich konnte die Folge kaum genießen, weil ich die ganze Zeit Angst hatte, dass ich mich schon in den letzten 2 Minuten befinde und gleich der Abspann kommt. Ich habe Abschied genommen von all den bekannten Gesichtern, die mir über die Staffeln hinweg mehr ans Herz gewachsen sind als all meine Freunde und Familie zusammen. Ich habe Abschied genommen von Charakteren, die man so viel besser verstanden hat als all die ganzen unberechenbaren Hüllen, die im Alltagsleben immer mit einem sprechen, habe Abschied genommen von Liebe, die es in dieser puren Form im wahren Leben nicht gibt, und unverdorbener Intelligenz und Scharfsinn, und geplanten Zufällen, und von Versuchen, das Richtige zu tun, wie sie so aufrecht und stark im wahren Leben nicht unternommen werden, von Pathos, das in unserem Alltag keinen Platz hat und von Privatleben fressenden Berufen, die es zwar auch in diesem Leben gibt, die es aber in diesem Leben nicht wert sind. Ich saß dort in meiner Höhle, starrte auf den Bildschirm und wollte nicht, dass es vorbei ist.

 
Zwischen dem Ende und meiner Schlafenszeit waren ein paar nutzlose Stunden zu überbrücken. Ich wusste in der Tat nicht wohin mit mir. Ich schrieb André an, der aber keine Zeit hatte, und meine Gedanken stürzten wieder ab und kreisten um ihn, und ich suchte schon beinahe hektisch in meinen Festplatten nach etwas anderem, das ich gucken konnte, das mich ablenken würde. Ich sah mir am Ende ein paar blödsinnige Folgen einer nicht sehr komischen Serie an, die ich überdies schon einmal gesehen hatte, und trank einen ziemlich großen Martini dazu, damit mein Kopf die richtige Schwere zum Einschlafen bekommt. In der Nacht jedoch träumte ich von meinen guten alten Bekannten, wie all die anderen Nächte vorher auch. Und als ich heute morgen aufwachte, wurde mir als erstes traurigerweise klar, dass die schöne Welt, in die ich mich die letzten Wochen jeden Abend geflüchtet hatte, heute Abend nicht auf mich warten würde. Es hat meinen Tag beinahe gekillt. Ami war es, der mich heute geweckt hat um halb 6. Ich kuschelte lange mit ihm und gab ihm dann Frühstück. Normalerweise bleibe ich danach wach; normalerweise macht dieses schmusige kleine Wesen mir auch so gute Laune, dass ich in den Tag gehen kann, ohne diesen zu hassen. Heute Morgen war Ami jedoch eher Trost im Angesicht des Verlustes. Heute bin ich wieder schlafen gegangen, nachdem ich ihn gefüttert hatte, weil es sich nicht zu lohnen schien, wach zu bleiben.

 
Welch eine Ironie. Dabei hatte ich die Serie doch so dringend beenden wollen, damit ich morgens endlich wieder frisch und munter aufstehen kann, um meine Unisachen in Angriff zu nehmen, um meine Organisationsgänge zu erledigen, um meinen Kühlschrank mit Lebensmitteln auszustatten, um auch einmal andere Menschen zu sehen abends, statt nur die virtuellen auf dem Bildschirm. Wir haben zwar erst Mittag, aber seit ich wach bin hier, eiere ich nur ziellos umher, kriege nichts erledigt, empfinde keine Motivation, keine Freude. Manche sagen, man müsse nur ein bisschen daran arbeiten, dann wird das eigene, wirkliche Leben auch aufregender als Erdachtes. Hab ich das gewollt die letzten Tage? Wollte ich die Serie zu Ende bringen, um mit meinem richtigen Leben weitermachen zu können? Nein, ganz bestimmt nicht. Es ging nur ums Funktionieren. Ich musste die Serie beenden, damit ich wieder funktionieren kann. (Vielleicht geht das ja morgen.) Und ich muss funktionieren, damit die Basis da bleibt, die mein Körper hier im Leben braucht, damit mein Geist wieder in andere Welten eintauchen kann.

 
Ich bin schon immer ein Eskapist gewesen. Als Kind war ich bestimmt die einzige, die ein Jugendbuch an einem Nachmittag verschlungen hat. Später nahm ich meine Mahlzeiten mit ins Bett, wenn ich einen neuen Stephen King da hatte. Ich bin schon immer aus dieser Welt geflohen. Deswegen bin ich heute auch so süchtig nach jedem Scheiß, der ein bisschen Intelligenz besitzt und in Serie ausgestrahlt wird. Deswegen sammle ich andere Welten, weil ich mich aus dieser immer schon fort gewünscht habe. Ich lese oder schaue mich in die Köpfe all dieser wunderbaren Charaktere, weil man im wahren Leben nicht in sie hinein schauen kann. Weil man immer mit dieser Ungewissheit leben muss, ob das, was man sieht, das ist, wonach es scheint und ob das, wonach es scheint, überhaupt so scheint oder ob man sich noch nicht einmal sicher sein kann über die Natur der Illusion, die da scheint. Nicht einmal für den eigenen Kopf kann man auch nur irgend etwas wissen, denn wie oft ist es mir jetzt passiert, dass mir eines Tages plötzlich aufgeht, dass irgendetwas nicht so ist und niemals so war wie ich immer gedacht hatte. Wie oft musste ich mir schon vorwerfen, mich selbst betrogen zu haben? Die wahre Liebe, das ethische Prinzip als Priorität, der aufrechte, starke Charakter, das alles existiert nur als Konzept, niemals wirklich. Im wahren Leben gibt es nur leidige Kompromisse. Aber packen wir diese puren und reinen Konzepte in einen fiktiven Charakter und lassen in sein Leben leben in einem Buch oder einer Serie, dann werden sie plötzlich lebendig und bieten uns all das, was wir im wahren Leben niemals haben können. Ich rede gar nicht von solchen Klischee-Helden, die immer das Richtige tun. Selbst einer der alles falsch macht im Film ist besser als jeder reale Mensch – allein dadurch, dass er jedes Mal versucht, das Richtige zu tun. Das macht ihn jedem Durchschnittsmenschen gegenüber überlegen.

 
Ich denke manches Mal darüber nach, wie anders mein Leben aussähe, wenn die Menschen, denen ich begegne, generell so starke Charaktere wären wie die in Serien und Büchern. Wie wenig Angst ich haben müsste. Wie viel Vertrauen ich noch übrig hätte von all dem, was ja zwangsläufig irgendwann einmal da gewesen sein muss. Wie viel weniger Narbengewebe meine Seele jetzt hätte, dort  wo es in Wirklichkeit über all meine Gefühle drüber gewachsen ist, über meinen Mut und über all den Sinn, und wo es am Ende nichts von übrig gelassen hat. Ich muss so viel tun, muss funktionieren, aber ich schwöre, sobald ich wieder auf der Höhe bin, sobald ich meine Pflichten erledigt habe, werde ich wieder flüchten aus dieser Welt, raus hier, werde wieder eintauchen in welche Serie auch immer, damit ich diesem nieder drückenden Alltag entkommen kann. Ich bin wie ein Junkie, der jetzt versuchen wird, eine Weile clean zu bleiben, damit sein Körper wieder stark genug wird für neuen Stoff, damit er den Gewöhnungseffekt kurzzeitig ein wenig reduzieren kann. Ein Junkie, der auf Entzug geht und dabei genau weiß, dass er eigentlich nichts anderes will als zurückzukehren in die Vergessenheit. Und ich weiß, dass ich das bin.

21.2.08 12:39


17.2.08 Wintersonntagmittag

Ich verliere mich wieder. Verliere mich selbst. Verliere den Tag. Ich liege still, bewege mich nicht, halte mit den Augen irgendeinen Punkt fest, auf dass sich der Punkt bewege. Innerlich renne ich um mein Leben, laufe so weit und so schnell ich kann, und weil ich nicht weiß wohin, will ich mich nur verstecken. Ich fühle mich der Welt und den anderen Menschen nicht nur unterlegen, ich spüre sogar, wie bewusst mir dieses Gefühl ist, während ich unter ihnen bin. Nur die verhasste Stadt der Kindheit (die gestern mein Ziel gewesen ist) löst in mir ein Überlegenheitsgefühl aus. Dort fahre ich durch die Straßen und laufe durch den Supermarkt und komme mir besser vor als all die anderen, weil ich es aus der Stadt hinaus geschafft habe, abgehauen bin, sie hinter mir gelassen habe, nur noch zu Besuch zurückkomme und jederzeit wieder weggehen kann. Kleinstadt mit Kleingeistern. Krämerseelen. Sie haben so viel Angst, dass sie sich gegenseitig die Freiheit nehmen, alles schlichtweg streichen, das über ihre Auffassungs- und Verarbeitungsgabe hinaus geht, und dann machen sie sich über sich gegenseitig lustig und sanktionieren eventuelle Ausreißer. Wer lebt immer noch zu frei, wer lebt zu sicher? Wer gehört nicht dazu? Jeder, der nicht genauso ist wie sie, ist potentielle Bedrohung und muss missbilligt werden. Wie gut, dass ich damals an diesem grauenhaften Ort nicht erstickt bin.

 
Jetzt bin ich in der großen Stadt, der großen Freiheit, so frei wie ein Mensch nur sein kann. Ich hab keine Ahnung wie das Morgen aussieht, um mich herum knüpfen alle ihre eigenen kleinen Netze, damit sie von irgendwas gehalten werden. Ich habe kein Geld und keine Liebe – was auch immer ich zu tun gedenke, nichts wird mich dabei aufhalten. Meinem Individualismus sind hier keine Grenzen gesetzt, überhaupt keine; ich kann mich drehen und wenden wie ich will, in jeder Richtung befind sich unendlich viel Platz, Raum, Leere. Simple Aktivität allein verliert hier ihren Zweck.

Drüben in der Stadt der Kindheit würde ich schon wieder auf Brückengeländern balancieren, mit den dubiosesten Charakteren schlafen, um mich abzugrenzen vom übrigen Moloch. Ich würde in Foyers und marmornen Hallen von großen Häusern laut dumme Lieder singen und morgens um zehn literweise Sekt trinken mit wem auch immer, mit allen, die sich das außer mir sonst noch trauen. Ich würde meinen Ruf so weit und so schnell und so absichtlich ruinieren, bis ich nichts als berüchtigt bin, einfach nur um das Gefühl haben zu können, überhaupt etwas zu sein. Hier interessiert das alles keinen. Was man tut hat so wenig Konsequenzen, dass man es ganz einfach sein lässt. In der Freiheit bin ich so verloren, dass ich mich so manches Mal in den sozialen Käfig zurück wünsche. Erst wenn ich dann wieder hinfahre und ihn mir anschaue, so wie gestern, wird mir wieder klar, dass ich noch immer das kleinere der beiden Übel gewählt habe.

 
Die letzte Woche habe ich außerhalb der Arbeit ausschließlich im Bett verbracht in dem Versuch, mich vor meinen Gedanken zu verstecken. Oder vielleicht festzustellen, dass da einfach keine mehr sind. Serien beruhigen und geben ein wenig Inhalt – im wahren Leben ist es weniger die Inhalts- als vielmehr die Sinnlosigkeit, die so schwer zu ertragen ist. Das einzige im Leben, was ich beständig herbeisehne und liebe und bei mir haben möchte, darf ich nicht lieben, und wie man Liebe für irgendwas anderes einfach aus dem Nichts heraus generiert, weiß ich auch noch immer nicht. Wann hört das seelische Provisorium bloß auf, das Überbrücken, dass Hangeln von einem mühseligen Tag zum nächsten? Ich wünschte ich hätte nie angefangen auch nur einen einzigen Gedankengang zu tun, ich wünschte ich wäre für immer dumm geblieben – oder nicht existent.

 
Die Sonne scheint grell draußen, und alle sind entspannt und gut gelaunt. Ich habe keine Wahl, ich muss gleich mit den anderen grillen – ich hatte seit Ewigkeiten kein Fleisch mehr, und außerdem bin ich eingeladen und habe schon dreimal ja gesagt ohne nachzudenken. Ich möchte am liebsten nur meine Schuhe ausziehen, die Gute-Laune-Musik ausstellen, mich unter der Bettdecke verkriechen, mich im Zeitlupentempo mit den Lieblingsfiguren meiner Serien zusammen betrinken, meine Fressalien um mich herum drapieren wie kleine Wachposten, die mich nicht aus den Augen lassen, während ich gnädig in erleichternden Schlaf hinüber drifte. Stattdessen werde ich mich gleich dem stechenden Sonnenlicht aussetzen, frierend, zusammengekauert, und werde mein bestes tun, mich am Rande der Kommunikation zu halten, nicht unhöflicherweise abwesend zu wirken, nicht den anstrengenden Mittelpunkt zu bilden. Ob sie es verstehen werden, wenn ich mich irgendwann zitternd und frierend eher verabschiede, wenn sie wissen, dass die Kälte von innen kommt? Ich glaub ich muss mich wirklich betrinken.

17.2.08 13:11


8.2.08 Sonne, was geht hier vor?

Das erste Mal dieses Jahr ist die Sonne so hell, dass sie weckt. Ich bin wach, aktiv, auf den Beinen, obwohl ich gestern mit André gesoffen habe und mir der Whisky noch jede Faser meines Körpers vergiftet. Die Jungs holen gerade die Gartenstühle aus dem Keller; heute Abend wird angerillt. 12 Grad reichen hier dafür. In solchen Momenten liebe ich das Wohnheim wieder. Ich selbst habe merkwürdig gute Laune seit gestern Nachmittag. Seitdem habe ich offiziell vorlesungsfreie Zeit. Habe mein Semester gestern mit einer mündlichen Prüfung beendet, die so einfach war, dass man es eigentlich einen Skandal nennen müsste. Weit hinten hinter meiner Stirn lauert natürlich die Angst, dass ich nächste Woche wieder zusammenbreche, mich unter der Bettdecke vor der Welt verstecke, von jeder Bewegung fürchte, dass sie Wunden schlägt, von jedem Wort, dass es Hass erzeugt, von jedem Geräusch, dass es mich zerschmettert. Die Angst jedoch wird derzeit gerade überstrahlt von der Sonne – immer wieder habe ich seit gestern für ganz kurze Momente das Gefühl, dass das Leben doch nicht ganz so schwierig ist. Und was mich überwältigt, was mich übermannt, das kann ich ohnehin nicht ändern, also sollte ich lernen, es mit Gelassenheit zu ertragen.

 
Da war wieder etwas, das mich überwältigt hat gestern. Dieselben alten Gefühle, neu hochgebrannt. Seit Wochen strecke ich meine Fühler in der Welt aus, damit mein Leben weiter geht, damit ich irgendwann irgendwo am Wegesrand etwas finde, das mich daran erinnert, dass es noch mehr gibt im Alltag als Zynismus und unerfüllte Liebe – in einfachen Worten, mehr als André. Dann habe ich ihn schon einmal drei Wochen nicht gesehen, dann sitz er schon einmal hier und trinkt Whisky mit mir und erzählt mir, dass es ihm nicht gut geht, und sofort tut mein Herz weh. Er erzählt mir, dass seine Heike allein auf Reisen gehen will, ans Ende der Welt, für ein ganzes Jahr. In meinem Innern mischen sich die herbsten Dinge zusammen. Der Schmerz darüber, ihn schlicht und einfach unglücklich zu sehen. Wut auf Heike, weil sie so etwas Dummes vorhat, weil sie offensichtlich nicht rafft, was wirklich wichtig ist im Leben. Hämisches Ich-wusste-doch-die-Frau-ist-nicht-gut-für-dich-Gefühl, Verzweiflung darüber, dass nicht ich diejenige bin, der er glauben wird, dass irgendwann alles wieder gut wird, dass nicht ich diejenige sein darf, die ihn in den Arm nimmt und ihn so lange hält bis alles nicht mehr so schlimm ist. Ist das egoistisch, wenn man seine eigene Machtlosigkeit darüber verdammt, einen geliebten Menschen leiden zu sehen? Interessiert mich das, ob das egoistisch ist? Eigentlich nicht, die Frage war rhetorisch.

 
Es gibt scheinbar Dinge, die sind nie wirklich vorbei. Das ist keine neue Erkenntnis für mich – alle Menschen, die ich jemals heiß und innig geliebt habe, werden mich nie ganz verlassen. Aber all die Gesichter von früher sind weit weg, in anderen Städten, begraben in anderen Zeiten, und wenn man sich sieht, verweilt man lediglich auf der nostalgischen „Weißt-du-noch?“-Ebene. Aber André ist noch hier, ewiger Nachbar, Nickname im Messenger, Name am Briefkasten, erleuchtetes Fenster im selben Gebäude, in dem auch mein Fenster leuchtet. Wenn das alles aufhören soll, dieses Gefühl von Ewigkeit, von niemals rauskommen aus der Spirale, von Gänsehaut und kompromisslosen inneren Loyalitätsschwüren wenn ich ihn nur rieche, dann brauche ich Abstand, dann muss die Welt sich weiter drehen. Ich wünschte er würde mitgehen mit Heike. Ich wünschte er könnte. Dann wäre er weg, dann könnte ich inneren Frieden finden mit mir selbst, und er könnte etwas lernen, was auch immer das sein mag, eine Lektion fürs Leben, damit er in seiner verliebten Verblendung nicht so traurig und kummervoll aussieht. Eine solche Lektion könnte ich auch gebrauchen.

8.2.08 12:15


3.2.08 Unerwünscht

Ich bin so was von geliefert. Ich habe nicht eine Sekunde lang etwas getan für meine Klausur morgen, nicht heute und auch nicht in den letzten Tagen, von den Klausuren am Dienstag und Donnerstag mal ganz zu schweigen. Wenn ich zur Zeit nicht mit einem bitteren Geschmack im Mund unterwegs bin und arbeite, liege ich nur noch im Bett, so lange und so still, dass ich müder werde als ich ohnehin schon bin, dass mein Kopf wehtut und ich in der Nacht nicht mehr durchschlafe. Ich liege da mit ungewaschenen Haaren, verkrochen unter die Bettdecke, und versuche mich vor der Welt zu schützen, sie auszusperren, allein zu sein mit meinen Serien, und vielleicht noch mit Ami, wenn er zwischendurch mal reinschaut. Ich esse eigentlich durchgehend irgend etwas, fange mittags damit an, um das hohle Gefühl im Magen und das übrig gebliebene Zittern vom morgendlichen Liter Kaffee loszuwerden, und mache weiter bis ich irgendwann abends das letzte Mal für diesen Tag in einen dämmrigen, instabilen Schlaf hinüber gleite. Morgen beginnt die letzte Woche vor den Semesterferien. Ich bin ausgelaugt vom Semester und habe gleichzeitig Angst vor der vorlesungsfreien Zeit. Ich habe Angst, dass ich diesmal ganz tief stürze, wenn man mich lässt. Ich bin ja schon dabei. Ein schon fast teenagerhaft lächerliches Gefühl von „keiner mag mich“ hängt über allem, und ich traue mich kaum, selbst meine engsten Freunde einfach anzusprechen und hallo zu sagen, nicht nur weil ich kein Thema habe, sondern auch weil ich immer denke, es passt ihnen jetzt einfach nicht, wenn ich mich in ihren Alltag dränge. Auf der Vernunftebene bin ich mir ziemlich sicher, dass das bei niemandem wirklich zutrifft, aber mein Gefühl kann ich einfach nicht überzeugen. Und bisher beweist mir auch niemand das Gegenteil, so wie sich in Filmen immer einer um den anderen bemüht, ganz aufmerksam und selbstlos und ohne Angst. Aber so ist die Welt nun einmal nicht. Wenn man was haben will, muss man auch was sagen. Und etwas geben. Ich habe beides schon lange verlernt.

3.2.08 21:43


25.1.08 Wir reißen uns zusammen und raffen uns hoch

Mein Körper ist erschöpft und ausgelaugt, mein todmüdes Herz wird durch Kaffee in Bewegung gehalten, aber mein Geist ist wach heute. Die Sonne und die Musik haben ihn geweckt. Ich will nicht nach draußen, weil das grelle Licht mich den Blicken aussetzt. Hier drin sitze ich bleiern und schwach in meinem Stuhl, aber meine Gedanken laufen wie ein Tiger im Käfig hin und her. Ich kann sie noch nicht sammeln, nichts mit ihnen anstellen, aber ich merke wieder, dass sie da sind. Da ist ein Potential, es ist nur nicht ganz greifbar. Es ignoriert die müde Hülle und macht mich von innen unruhig. Ich sollte ihm Futter geben. Mehr Sonne und mehr Musik. Wäre heute Samstag, würde ich das tun. Heute ist aber Freitag, und ich muss noch einmal funktionieren heute, damit ich auch nächste Woche noch was zu essen auf dem Tisch habe. Also wird, was immer meine Hirnwindungen da drinnen kitzelt, gleich erstmal gründlich vergiftet, damit ich nachher bei der Arbeit nicht ständig wegdrifte, bei der Sache bleibe, nicht merkwürdig erscheine. Stille, ein wissenschaftlicher Text, Unmengen Zigaretten, Schokolade, that´s the way it works. Gut, vielleicht bin ich unspontan, leidenschaftslos, pragmatisch, aber eins bin ich nicht: unvernünftig. Oder gar krank. Klar bin ich krank, aber nur latent. Mein Leben kriege ich hin, ich stehe auf eigenen Füßen. Auch wenn ich Kreativität töte dafür. Ich nehme nichts geschenkt.

25.1.08 11:43


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