Sonnenuntergang
Tagebuch



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24.1.08 Die Perspektive zurecht rücken

Ich bin nicht wirklich irgendwo, sondern eher irgendwo dazwischen – aber wo zwischen ich bin, kann ich auch nicht sagen. In der ersten Hälfte dieses Monats hab ich so wenig geschrieben, weil plötzlich Produktivität eingesetzt hat. Auf einmal habe ich lauter Dinge geschafft, an denen ich vorher wochenlang gescheitert bin. Letzten Montag ist dann die erste Erfolgsbestätigung ins Haus geflattert: der lang ersehnte letzte Schein, unerwartet und sogar mit ner 1,0 drauf. Ich habe mich gefreut, nicht euphorisch, aber mit leichter Heiterkeit. Eine halbe Stunde später ist die Müdigkeit eingekehrt, dreifach heftig, wie ein Vorschlaghammer. So schlimm ist es lange nicht gewesen. Nachdem diese unangenehme, magenbohrende Anspannung weg war, bin ich schlicht und einfach müde geworden, so sehr, dass ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte, dass ich gefroren habe in meinen Klamotten, dass die Stimmen in der Cafete und die Neonröhren einfach verschwammen, sich entfernten. Ich bin eingeschlafen in der überfüllten Rauchercafete, die immer ohrenbetäubend summt wie ein stinkender Bienenstock und ungefähr so einladend für ein Nickerchen ist wie der Randstreifen der Autobahn. Das ist mir ewig nicht passiert, und die Blicke der Leute, als ich wieder wach wurde, waren genau so verwirrt und ungläubig wie beim ersten Mal. Nur gelacht haben nicht so viele. Sie dachten bestimmt, ich hätte die Nacht vorher durchgesoffen.

 
Das habe ich nicht, aber ich fühle mich schon seit einer Woche so. Ich kann mich nicht konzentrieren, kriege selbst das Nötigste nicht vollständig hin, und die Aufgaben des Alltags verhalten sich zu mir wie eine widerliche Hydra. Jedes Mal, wenn ich irgendetwas erledigt habe, sind in der Zeit, die ich dafür gebraucht habe, zehn neue Aufgaben daraus gewachsen. Ich bin nur noch erschöpft, kann nicht mehr denken. Alle sagen sie mir, ich soll auch mal abschalten, soll auch mal tun, was ich will und nicht nur, was von mir erwartet wird. Die meisten, die das sagen, sind 5 Jahre jünger als ich und leben noch nicht so lange auf Pump, im Provisorium, im Kompromiss. Sie wissen nicht, wie es ist. Und sie wissen nicht, wie anstrengend es ist, sich überlegen zu müssen, was man eigentlich will, in einem Leben, in dem der Wille vor langer Zeit aufgehört hat, Antrieb zu sein, und in dem die Richtung in die man geht einzig und allein davon gesäumt wird, was man nicht will.

 
Ich glaube, was die Produktivität angeht, so wäre die gesündeste und beste Kombination für mich eine Mischung aus Alleinsein, damit mich niemand zurückhält, und der Hoffnung, dass sich das irgendwann ändert, damit ich Antrieb erhalte. Unter den Umständen wäre ich bestimmt grandios. Alleinsein hab ich auch mehr als genug im Moment, allerdings nicht von der Qualität, die man als kreative Einsamkeit bezeichnen könnte. Was ich erlebe, ist nicht kontemplativ und generierend, sondern eher erstickend. Vielleicht deswegen, weil das Pendant dazu, die Hoffnung, fehlt. Man sagt mir, ich sollte mich mal wieder neu verlieben, um diese Hoffnung, dieses Ziel, fühlen zu können. Würde ich auch gerne, aber so was kann man sich nun einmal nicht aussuchen. Und meine misanthropische Weltsicht, in der jeder Fremde vorerst potenziell ekelhaft, dumm und moralisch bankrott ist, ist da auch nicht gerade förderlich. Gerade in den letzten Tagen hab ich mir wieder gewünscht, ein religiöser Mensch sein zu können, einen Gott haben zu können. Ich habe das Radio eingeschaltet und wirklich zugehört, wenn gläubige Menschen, Christen, Juden und Moslems, gesprochen haben. Aber je länger ich ihren friedfertigen, hoffnungsvollen Stimmen zugehört habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, ich wandere mutterseelenallein in einem finsteren Tal, in dem vor mir noch kein Mensch gewesen ist, desto mehr fühlte ich mich allein, als sei ich der einzige Mensch der Welt, der von Depressionen geplagt wird, als werden Menschen wie sie niemals auch nur einen Schimmer davon haben, wie die Welt aussieht, durch die ich jeden Tag tapfer und todmüde hindurchstapfe. Ich bin zwar ein arrogant auftretender Mensch, aber so ein eingebildeter Egozentrismus ist sogar für mich zu viel, und da ich ihn nicht fühlen will, habe ich dann jedes Mal das Radio wieder ausgestellt. Religion wäre toll, religiöse Menschen sind beneidenswert, aber ihnen zuzuhören ist eine Pest.

 
Hatte ich nicht letztes Mal sogar den leisen Verdacht, da könnte eine Manie auf mich warten? Gerade fällt es mir wieder ein. Schade, war wohl nichts. Eine Manie hätte ich gebrauchen können jetzt, so gefährlich sie auch sein mag. Wenn ich weiter durchhalten soll, dann muss ich zwischendurch mal etwas anderes fühlen, oder überhaupt etwas fühlen, damit ich wieder weiß wofür ich mich hier jeden Tag durch die Gegend quäle. Eine Manie käme da ziemlich gelegen. Oder Drogen, die kämen auch gelegen, so krank sich das auch anhört. Ich habe sogar versucht, was zu kriegen, aber hier ist momentan wieder Ebbe. Ich brauche irgend einen Vorschlaghammer, der meine Perspektive mal wieder zurecht rückt, damit dieses Rumgeeiere aufhört. Ich hatte mal einen Fernseher, der hatte ab und an immer mal wieder Ton- und Bildstörungen, und wenn man wollte, dass er wieder normal funktioniert, musste man in der Tat seitlich links oben kräftig vor die Kiste hauen. Das gleiche mit einem Festplattenlüfter: manchmal wurde das Ding mit einem Mal unerträglich laut, aber wenn man ihm einen ordentlichen Klaps gegeben hat, normalisierte sich das Geräusch wieder. Ich glaube, ich bin mittlerweile genauso: einfach so schaffe ich es nicht mehr auf Dauer, weil ich einfach die Perspektive verliere. Ich brauche ab und zu einen ordentlichen Schlag in den Nacken, der stark genug ist, Emotionen auszulösen, damit diese mir wieder zeigen können, wofür ich lebe. Die einzigen Emotionen, die in den letzten Jahren auch von alleine auftauchten, waren übel – bei den guten scheine ich nachhelfen zu müssen. Früher haben gute Noten gereicht, um mich wieder zu pushen. Jetzt sind die guten Noten selbstverständlich, erwartungsgemäß, und alles andere macht mich wieder fertig. Eine Manie dagegen bedeutet Energie. Ich war zwar noch nie euphorisch, im Gegenteil, meine Manien waren immer von Dysphorie begleitet, aber Energie ist Energie, wie eine Nase Pep, wie ein Tritt in den Arsch, der kräftig genug ist, Initialzündung zu sein für eine vorübergehend gute und aktive Zeit. Pep ist schlecht für den Körper, Manien sind schlecht für das ganze Leben, also sollte ich doch eigentlich froh sein, dass nichts von beidem zu haben ist zur Zeit, oder? Ich bin es nicht. Ich will nichts anderes als mal wieder meinen eigenen Herzschlag zu spüren, damit ich mich wieder lebendig fühlen kann.

24.1.08 09:10


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17.1.08 Aufgewacht als Grenzgänger

Ich schreibe, weil ich für alles andere gerade nicht zu gebrauchen bin. Habe immer noch ein Schlafdefizit, obwohl ich das erste Seminar verpennt hab. War letzte Nacht noch bei Stefan drüben, bis heute Morgen um halb 4. Habe seinen Wein getrunken und ihn zugetextet. Jetzt fühle ich mich wie ein Wrack. Ich bin müde und vergiftet, meine Lunge ist komplett geteert, mein Kopf riesig und wie mit einer Flüssigkeit gefüllt, die ich im Gleichgewicht halten muss. Selbst der Kaffee ist grenzwertig heute Morgen.

 
Aber ich bin aktiv. Ich laufe rum. Habe schon geduscht. Bin mit meinen Gedanken bei Dingen, die erledigt werden müssen. Ich fühle mich unruhig und getrieben, aber ich bin auf den Beinen. Das Leben hat wieder versucht mich umzuboxen letzte Nacht – und doch stehe ich wieder. Nichts hat mich klein gekriegt. Mir kommt es selbst schon seltsam vor, wenn ich mir im Vergleich dazu die letzten Monate (oder sogar Jahre) ansehe.

 
Kann ich eigentlich auch Stimmungen haben, oder ist bei mir gleich alles ein Symptom? Ich kenne das Gefühl, das ich jetzt habe. Es fühlt sich fremd an, aber gerade deswegen erkenne ich es wieder. Ich möchte mir selbst noch keine Panik machen, aber damals, vor all den Jahren, hat es mehr als einmal so angefangen. Gewichtsverlust. Langsam aber sicher nimmt das Schlafbedürfnis ab, dafür der Konsum von Suchtmitteln jeglicher Art zu. Irgendwas passiert mit der Art, die Welt wahrzunehmen. Man fühlt auf einmal Dinge, aber auch wieder nicht, und das einzige, was davon nach außen dringt ist Wut, vielleicht noch Spott, Aggression, Kampfstimmung. Erhöhte Leistungsfähigkeit in Universität, Beruf und Freizeit. Man macht so lange weiter, bis wirklich alle anderen wissen, dass man besser ist als sie. Die Sinnlosigkeit ist weiter vorhanden, aber sie fängt an, nach Ausgängen zu suchen. Auf Kosten des Restes der Welt.

 
Vielleicht ist es das auch gar nicht. Vielleicht bin ich über die Jahre nur zu sehr darauf geeicht, nach diesen Symptomen zu suchen, damit ich sie finden kann, bevor sie mich finden. Nur weil es mir mal ein paar Tage so geht, wie es mir jetzt geht, muss das noch keine dysphorische Manie sein, oh nein. Ich habe noch nichts getan, nicht einmal gesagt, das mir Probleme bereiten würde. Mein Level an ausgelebten Emotionen hat noch nicht einmal das eines gesunden Menschen ohne Depression erreicht. Wahrscheinlich geht es mir einfach nur ein bisschen besser, gerade weil ich an der Uni richtig abräumen kann. Und wieso konnte ich das mit Heike so locker wegstecken letzte Nacht? Wer weiß, vielleicht werde ich ja doch noch erwachsen gerade. Oder der dicke Hammer kommt noch, vielleicht wenn ich heute Abend von der Arbeit nach Hause komme, in mein dunkles Zimmer gucke und merke, dass ich mit mir selbst allein bin. Meine Stimmung jetzt gerade muss wirklich gar nichts heißen. Immerhin bin ich ja auch jetzt noch so besoffen, dass ich eben kurz dachte, ich tippe hier in zwei verschiedenen Schriftarten.

 
Ich sag es keinem, wie es mir gerade geht. Noch nicht. Ich warne auch niemanden, auf mich zu achten. Ich habe ein Recht auf ein bisschen Lebendigkeit, ohne dass man es gleich eine Manie nennt. Auch wenn es mir die Magenwände zerfrisst und sich vielleicht in zwei, drei Wochen als echter Tanz auf dem Vulkan entpuppen sollte – das ist mir egal. Die letzte depressionsfreie Phase ist bei mir so lange her, dass ich mich schon nicht mehr daran erinnern kann, und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, habe ich gerade das schlimmste halbe Jahr meines Lebens hinter mir. Da kann man das Kind nennen wie man will – ich lade alles herzlich zu mir ein, was sich anders anfühlt als Nichts.

17.1.08 11:52


17.1.08 André's Geburtstag

Ja super, genau was ich nicht wollte. Ich sagte zu André: auch auf die Gefahr hin, dass ich mich selbst ins Abseits stelle, er solle mich trotzdem nur einladen, wenn Heike nicht da ist, weil ich auf sie noch nicht klar kommen würde. Er hatte kein Problem damit. Hat für uns heute Steaks gemacht und Schokoladenkuchen – ich sagte ihm ich bring Whisky mit. Ich wollte mich ja sowieso mit ihm betrinken, damit wir uns auch mal über Sachen unterhalten, über die wir uns sonst nicht unterhalten. Als ich vorhin endlich betrunken genug war, dass ich das Gespräch wirklich hätte lenken können (nach Stunden von Whisky und Fressorgien und Simpsons), als er dann auch ganz offiziell schon Geburtstag hatte, was ist natürlich passiert? Heike kam rein, um ihn mit einem Kuchen zu überraschen und so weiter. Ganz toll. Wäre ich ein Kerl, hätte man ‚perfect gentleman’ zu der Art und Weise sagen können, wie ich reagiert hab. Jetzt ist es zehn vor eins, also bin ich wirklich nicht mehr lange geblieben. Meinen Essay habe ich heute Abend noch mit Hängen und Würgen fertig bekommen, aber da die beiden das nicht wussten, habe ich ihn als Ausrede benutzt, um mich zu entschuldigen, als mein Glas leer war. Das ist alles noch ne Nummer zu heftig für mich.

Ich mache mir wirklich ein wenig Sorgen um André. Er hatte ja vorher schon im Nebensatz einfließen lassen, dass er nachts stundenlang durch die Gegend gewandert ist, weil er nicht schlafen konnte, dass er nicht mehr zur Uni geht, und ich habe ja auch gesehen, dass er so viel zugenommen hat. In solchen Momenten geht es dann doch nicht mehr um mich allein. Wenn die Leute mich in den letzten Monaten gefragt haben, ob ich Heike hasse, habe ich immer nein gesagt, und das ist die Wahrheit. Wie kann ich einen Menschen hassen, wenn ich sehe, dass dieser Mensch den, den ich liebe, glücklich macht? Aber wie gesagt, das gilt nur für den Fall, dass ich den, den ich liebe, glücklich sehe. Das habe ich die letzten Male nicht, und deshalb wollte ich sie auch nicht sehen, weil ich Angst hatte, dass ich ihr sonst die Augen auskratze. Diese Angst war unbegründet heute Abend. Mir hat es einen furchtbaren Stich ins Herz verpasst, als ich sie sah, aber ich sehe auch, dass seine Augen immer noch leuchten. Das hat mich beruhigt, und ich konnte einsehen, dass ich sie vielleicht in meinen Gedanken dämonisiert habe, dass sie aber in Wirklichkeit möglicherweise ein anständiges Mädchen ist. Wer weiß. Ich habe mich höflich aber bestimmt zurückgezogen. Wie gut, dass ich furchtbar besoffen bin, das dämpft möglichen Schmerz ein wenig. Ich hatte mir alles schlimmer vorgestellt.

Ich war darauf vorbereitet, dass sie irgendwie offensiv wird mir gegenüber. Ich hätte es darauf ankommen lassen. Aber sie war wirklich nett. Wenn sie es herausgefordert hätte, dann hätte ich ihr gesagt, dass ich den Mann liebe, mit dem sie zusammen ist, und dass ich sie nur so lange respektiere wie sie ihn glücklich macht, und keine Sekunde länger. Dass der Instinkt in mir, den ich am meisten hasse, der Kampfinstinkt, in der Sekunde hervorbrechen würde, in der ich mit Sicherheit weiß, dass sie schlecht für ihn ist. Dass ich auch wenn ich selbst verlieren würde, doch dafür sorgen würde, dass sie untergeht, damit er wieder in Ordnung ist. Aber sie hat es nicht herausgefordert. Und er hat immer noch mit einem Leuchten in den Augen zu ihr herüber gesehen. Mag sein, dass er objektiv gesehen nicht wirklich klar kommt zur Zeit. Vielleicht ist das ihre Schuld, vielleicht auch nicht. Noch liegt es definitiv nicht an mir, mir darüber ein Urteil zu bilden. Subjektiv jedoch scheint ihm sehr viel an ihr zu liegen, und das ist es, was zählt. Wenn sie seine Hoffnung ist und sein kann, dann stehe ich dem nicht im Weg, denn oh mein Gott, wie sehr mich ein Stück Hoffnung weiter bringen würde! Ich weiß, was Hoffnung bei Menschen anrichtet, und das ist gut so. Sie hält einen davon ab, bewegungslos da liegen und sterben zu wollen. Niemals würde ich bei irgendwem dagegen halten. Der Funke in seinen Augen heute Abend, wenn er zu ihr herüber gesehen hat, hat mich davon abgehalten, unvernünftig zu werden, mich vielleicht um Kopf und Kragen zu quasseln.

Ich fühle mich schlecht jetzt, auch wenn ich nichts Falsches getan habe, einfach nur aus egoistischem Instinkt heraus. Aber ich bin in Frieden mit diesem miesen Gefühl, ich weiß, dass weder ich noch irgendwer anders Schuld daran trägt, sondern dass einfach die Situation es mit sich bringt. Ich werde nicht heulen müssen heute Abend. In meinem eingebildeten Selbst empfinde ich die ganze Sache wieder als erhabene Trauer; ich werde gleich Serien schauen, damit ich nicht daran denken muss. Ich wünschte ich könnte loslassen, aber es gibt in meinem Leben eine Handvoll Menschen, die so wichtig sind, dass ich ihre Belange niemals loslassen kann. Und da glücklicherweise fast alle meine Kritiker sich immer wieder auf ihre Werte berufen, die durch und durch christlich sind, werde ich, sobald sie mir wieder Vorwürfe machen, dass ich zuviel leide wegen anderer Menschen, ihnen einfach stumpf vorhalten, dass ihr teurer Jesus das gleiche getan hat. Gute Nacht allerseits.

17.1.08 01:33


13.1.08 Wach (ausnahmsweise)

Sonntag Morgen, kurz nach zehn. Ich muss gleich lernen, hab schon aufgeräumt hier, aber im Moment sind meine Gedanken noch zu sehr im Raum verteilt. Ich hätte jetzt Lust zu kommunizieren, mich mit irgendwem zu unterhalten, Whisky zu trinken, Unmengen an Zigaretten zu rauchen. Hier schlafen noch alle. Selbst Ami schläft lang ausgestreckt in Seitenlage auf meinem Bett.

 
Ich will mich mit André betrinken. Zweimal haben wir uns jetzt gesehen seit er mich über icq angeschrieben hat. Erst als er wieder bei mir im Zimmer saß, habe ich gemerkt, wie sehr ich ihn tatsächlich vermisst habe. Aber bisher haben wir uns nur über Alltäglichkeiten unterhalten, und das Schweigen war auch noch nicht wieder so angenehm wie früher. Ich will wissen, wie es ihm geht. Ich mache mir Sorgen um ihn. Er sieht schlecht aus, und ab und an sind ihm im Nebensatz beunruhigende Details entschlüpft über sein Schlafverhalten oder seinen Gemütszustand. Deshalb will ich besoffen sein mit ihm, damit wir beide wieder frei nach Schnauze reden können. Ich will ihn fragen, was mit ihm und Heike ist, aber nüchtern habe ich zu viel Angst vor den Antworten. Ich will ihm erzählen, was seit August in mir vorgegangen ist, nicht nur was passiert ist, sondern wie ich denke und fühle, und wie sehr es mich verändert hat.

 
Ich bin unruhig heute morgen. Ich hab so viel zu tun, aber ich will nicht. Ich kriege auch meine Gedanken nicht richtig zusammen. Wenn jetzt Sommer wäre, würde ich mich nach draußen setzen und von dem Erstbesten zutexten lassen, der vorbei kommt. Und ich wünsche mir, die Welt ließe sich wieder ein bisschen mehr in Schwarz und Weiß einteilen. Ich kann mich nicht damit anfreunden, dass nichts so ist, wie es scheint. Ich weiß ja nicht einmal, wie es scheint, und ich glaube ich habe es nie gewusst. Hendrik hat es mir vor nunmehr fast acht Jahren auf den Rucksack geschrieben, und schon damals habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen. Ich würde so gerne Frieden schließen mit so vielen Dingen, die mich immer wieder heimsuchen. Aber ich kann auch nicht mehr glauben, dass man überhaupt irgendwann mit irgend etwas wirklich abschließen kann. Ich habe mich selbst immer wieder in die Handlungsunfähigkeit getrieben, aus purer Angst vor Schmerz, oder aus Angst davor, dass ich wieder gar nichts fühle. Wenn ich anfangen würde, Grundlagen zu legen für neuen Schmerz, müssten diese dann nicht auch Grundlagen sein für irgend etwas, das diese sterile emotionale Neutralität auch einmal in eine andere Richtung durchbricht?

13.1.08 11:00


11.1.08 Drifting

Anstrengende Zeiten. Ich flüchte mich in akademische Texte. War sogar produktiv in den letzten Tagen. An die nähere Zukunft weigere ich mich zu denken, sonst schnürt es sofort mein Herz ein. Ich habe eine blasse Ahnung davon, wo ich ungefähr hin will irgendwann – in allen wichtigen Belangen. Ich habe nur absolut keine Idee, wo ich gerade bin. Ich kann meine Situation nicht bewerten, ich traue mich auch nicht. Ich will mir keine Meinungen mehr bilden, weil das Bilden so anstrengend ist, und weil ich nicht weiß, ob die Dinge wichtig und damit die Sache wert sind. Ich gebe keine Kommentare mehr ab, weil ich nicht weiß, ob sie morgen noch immer gelten würden. Ereignisse verlieren ihre Attribute. Es gibt schon lange nichts Schönes oder Übles mehr, das allgemeingültig wäre, aber mittlerweile kann ich nicht einmal für mich, nicht einmal mehr vage bestimmen, was schön und was übel ist. Ich mache heute keine Statements mehr, weil ich Angst habe, dass ich morgen darauf festgenagelt werde. Ich glaube nicht, dass ich aufgehört habe zu wollen. Aber was ich will ist nicht immer gut für mich. Schon lange habe ich aufgehört, meinem Wollen nachzugeben, und jetzt, da mein Leben schon so lange darauf ausgerichtet ist, das Richtige zu tun, tue ich überhaupt nichts mehr – die Angst, in die falsche Richtung auszuschlagen bringt mich in eine unbewegliche Unruhe. Ich hätte gern Stillstand gesagt, aber Stillstand wäre gnädig – das hier ist es nicht. Es ist auch keine Hölle, denn die Hölle habe ich gerade hinter mich gebracht im letzten halben Jahr. Sie ist wieder vorbei und hat ein Stück meines Wissens über die Welt mit sich genommen. Eine Koordinate ist weg von mir, sozusagen. Ich kann meine Position im Raum nicht mehr bestimmen. Wer sagt, das sei auch nicht nötig, ist dämlich, denn hier und so kann und will ich nicht bleiben, und was auch immer ich für eine Richtung einschlage, Richtung braucht einen Ausgangspunkt.

Ich wünschte, mich würde jemand einsperren, damit der Rebell in mir erwacht. Damals, gefangen in der Kleinstadt zwischen Kleingeistern, habe ich gelitten wie Hund, aber ich hatte einen Gegner, eine Hoffnung und ein Ziel. Heute bin ich frei. Mit Wegfall des Gegners haben sich all die Riesen in meinem Kopf zuerst noch gegenseitig bekämpft. Heute sitzen sie alle da, starren ins Leere und sind müde geworden. Die Sonne draußen kann ich noch genießen, den Nebel, der an den Bäumen kristallisiert. Aber all die Menschen? Meine Vernunft sagt mir, dass sie mein Misstrauen nicht verdient haben, aber mein Gefühl will das nicht lernen. Jedes Lächeln erschöpft mich. Wenn Ami abends in mein Bett kommt und sich in meine Armbeuge kuschelt, dann geht mir das Herz auf, und ich gebe ihm ein Küsschen auf sein seidenweiches Fell. Wenn ich mich tagsüber auf meinem Stuhl umdrehe und in all die Gesichter hinter mir sehe, sehe ich nichts als Unzulänglichkeit und lauernde Langeweile.

11.1.08 23:00


4.1.08 Knicklicht

Als ich heute morgen wach geworden bin, war ich fest davon überzeugt, dass ich geträumt habe, André sei hier gewesen, wir hätten uns ein paar Stunden easy unterhalten, als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen, ohne dass einer von uns ein kitzliges Thema angesprochen hätte. Ich meine geträumt zu haben, dass er mir ein Knicklicht geschenkt hat, dass ich eine Zigarette nach der nächsten geraucht habe, dass er furchtbar erkältet war. Dass ich sogar seine Augen fotografiert habe, weil ihm immer die Äderchen platzen, wenn er krank ist und kotzen muss, und seine Augen infolge dessen blutrot waren.

 
Ich habe es nicht geträumt. Das Knicklicht liegt direkt neben mir.

4.1.08 07:44


3.1.08 Zurück auf Null

Ich weiß noch nicht, ob ich das neue Jahr mag. Ich bin sicherlich froh, dass das alte weg ist. Und Silvester haben sie um 12 St. Anger gespielt. Ich bin mit einer kleinen Welle von Kraft ins neue Jahr, und die Kraft war Zorn. Er ist schon wieder verflogen. Die letzten drei Tage fühle ich mich genau wie die Tage davor. Ich bin kein neuer Mensch geworden. Der Gedanke „Es kann ja nur noch besser werden.“ wird wie immer begleitet von „Das hast du letztes Jahr auch gedacht.“. Nur eins ist sicher: dieses wird nicht genauso wie das letzte. Vielleicht wird es noch schlimmer, vielleicht besser, aber es wird definitiv anders. Entweder habe ich am Ende dieses Jahres meinen ersten akademischen Abschluss in der Tasche, oder ich bin nicht mehr Student, rausgefallen aus dem Netz, vielleicht bin ich dann Nichts, vielleicht irgendwas komisches anderes. Ich werde nicht noch länger so rumdümpeln. Was André angeht, so wird dieses Jahr definitiv auch nicht wie das letzte. Das ist mir ja über die letzten Wochen hinweg schmerzlich klar geworden. Es wird nie wieder wie früher werden. Ich hoffe nur, dass sich bald etwas anderes auftut, dass ich zwar weiterhin tun kann, was ich immer tue, aber nicht mehr allein sein muss dabei. Ich werde umziehen dieses Jahr. Und nicht auf die andere Seite des Gartens, sondern ganz weg aus dieser Seifenoper. Alles, was ich am meisten liebe und geliebt habe, will ich nie, nie wieder sehen, mit Ausnahme von Ami. Den nehm ich mit.

 
Ich weiß nicht, ob es aufwärts geht. Ich weiß nur, dass nichts so bleiben wird wie es ist, denn wenn das so wäre, wäre das im Grunde ein Abstieg. Dieses Jahr wird das Jahr der Entscheidungen. Aufwachen aus der Müdigkeit? Sogwirkung? Hungerregieme? Ich versuche wieder tausend Sachen, bis irgendeine funktioniert. Und wenn keine funktioniert, hab ich wenigstens beim Ausprobieren Zeit rumgekriegt.

3.1.08 13:51


23.12.2007 In der Zwischenzeit

„How are you? Where are you going?“

„What do you think? I´m returning home again. And again and again. Drunk again. I´m passing by the same old houses. I´m breathing the warm air, breathing the cold air. I still listen to that same old soundtrack. And while my memory is going selective, I´m starting to idealize you. I´m as fine as I ever was.”

23.12.07 21:06


19.12.2007 Ein neuer Tag beginnt

Gerade ist es furchtbar. Bin eben aufgestanden. Gestern und heute hat Ami mich seit langer Zeit mal nicht geweckt. Gestern kam er später; heute war er zwar da, lag aber tief schlafend bei mir auf dem Stuhl, und als ich schließlich von alleine langsam wach wurde, kam er auch nicht sofort kuscheln, sondern guckte mich nur an. Ich mach mir ein bisschen Sorgen – er hat auch nur halb gefressen heute. Wahrscheinlich hat er einfach nur Blödsinn gefressen letzte Nacht, ne saure Maus oder so; mich hauen solche Kleinigkeiten ja immer um. Genauso wie gestern: Habe in der Werkstatt angerufen, die sagten sie rufen zurück. Während ich auf diesen Anruf gewartet habe, schlug ich die Zeit im Internet tot. Der Anruf kam nicht; im Internet aber bin ich hängen geblieben. Nachmittags war ich so erschöpft, dass ich die Vorlesung ausfallen ließ. Ich habe mich ins Bett gelegt und lag dort bis gerade eben.

 
Ich habe nicht ordentlich gegessen (genau wie Mon Ami), fühlte mich unendlich zerbrechlich, verletzbar durch den ganzen Rest der Welt, ja sogar durch meine eigenen Gedanken. Heute Morgen ist davon eine grauenhafte Schwäche und Müdigkeit übrig. Wieder mal bewege ich mich nicht gegen Luft, sondern gegen Sirup; wieder einmal zieht die Gravitation doppelt an mir; wieder einmal liegt ein furchtbares Gewicht auf meiner Brust. Ich habe Kopfschmerzen, bin ganz erschreckend kurzatmig. Ich bin gerade bei meinem ersten halben Liter Kaffee, ohne den ich nicht duschen gehen werde, weil ich mich fühle, als könne ich im Stehen die Arme nicht lange genug heben, um meine Haare zu waschen. Meine Lider sind so schwer, dass sie gegen meine Augäpfel drücken; sie fühlen sich an, als hätte ich einen halben Tag lang geweint. Ich fühle mich entmutigt. Gestern habe ich den Kampf verloren. Heute wird er furchtbar werden. Ich denke jetzt schon daran, die Arbeit abzusagen, weil ich nicht weiß, wie ich heute vor anderen Menschen wie ein normal denkender und funktionierender Mensch auftreten soll. Ich sitze an diesen paar Sätzen hier jetzt schon mehr als doppelt so lange wie gewöhnlich, weil meine Gedanken keine Minute fokussiert zu bleiben scheinen, sondern immer wieder wegdriften und sich zerstreuen, so viele Versuche man dagegen auch unternimmt. (Komischerweise muss ich gerade an das Bild unseres etwas dämlichen Hausmeisters denken, der im Herbst ausgerechnet an einem besonders stürmischen Vormittag stundenlang ganz angestrengt versucht hat, die Blätter von den Gehwegen wegzupusten mit seinem Gebläse.)

 
Tillmann zieht aus und hat mich für heute Abend zu seinem Abschied eingeladen. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht kommen werde, weil ich es immer noch nicht ertragen könnte, André zu sehen. Er war überrascht, dass das überhaupt immer noch ein Thema ist. Daraufhin war ich überrascht, weil mir auffiel, dass er nicht der erste ist, der annimmt, es müsste genug Zeit ins Land gegangen sein mittlerweile. Leide ich denn wirklich länger als andere Menschen? Und wenn ja, sind sie deswegen oberflächlich oder bin ich übersensibel? Tillmann bot mir daraufhin an, mir heute Abend ein Stück Pizza vorbeizubringen. Ich konnte es kaum fassen, und ich bin gespannt, ob er das wirklich tut. Gestern habe ich natürlich nur daran gedacht, dass ich, wenn er das wirklich tut, ihn fragen muss, wie André aussieht und wie es ihm geht an dem Abend. Jetzt ist mir natürlich darüber hinaus klar, dass Tillmann manchmal wirklich ein unglaublicher Mensch ist – zu gut für diese Welt. Schade, dass ausgerechnet er geht.

 
Ami ist gerade zurückgekommen, hat sich in mein Bett gesetzt und mich angeguckt, bis ich aufgestanden und zu ihm gegangen bin. Er hat mich angeschnurrt, dann meine Hand angenagt und ist blitzschnell an mir vorbei gehuscht und hat den Stuhl besetzt. Ich kann natürlich nicht im Stehen schreiben, also haben wir einen Deal gemacht. Jetzt sitz ich wieder hier, und er liegt eingerollt auf meinem Schoß. Solche kleinen Szenen tun meiner Seele so gut; Miezekatzen sind oft pures Gold, und Ami kann bei mir tatsächlich immer mal wieder ein Stück Müdigkeit in Ruhe verwandeln.

 
Die erste Stunde des Tages heute war grauenvoll. Das einzige, was mich überhaupt dazu gebracht hat aufzustehen war die Tatsache, dass ich morgen ein immens wichtiges Paper abgeben muss, das ich vielleicht mal anfangen sollte zu schreiben… Ich hasse Druck, aber heute bin ich dankbar, dass er mir im Nacken sitzt, denn ohne ihn würde der heutige Tag unter Garantie ein genauso verschwendeter Tag werden wie gestern. Mit dem schnurrenden Bündel auf meinem Schoß bin ich natürlich froh über so ein kleines positives Vorzeichen, ob ich es nun genießen kann oder nicht. Ich frage mich natürlich trotzdem, ob es noch einmal Zeiten geben wird, in denen ich die Frage, ob ein Tag verschwendet ist oder nicht, nicht an meiner Produktivität und meinem Funktionieren festmachen muss, und ob es irgendwann auch einmal Menschen, und nicht nur Miezekatzen gibt, die bei mir Müdigkeit in Ruhe verwandeln können. Jedem seine Utopie, nicht wahr?

19.12.07 08:36


16.12.2007 Sonntag

Ich sitze gerade wieder da und starre Löcher in die Luft vor mir. Mein Herz rast gerade, flattert ein bisschen. Ich bin todmüde. Bis auf ein bisschen Schokolade habe ich nichts gegessen heute, und ich habe auch keinen Appetit. Die Büchse der Pandora – ich hätte sie nie öffnen sollen. Was hat mir damals bloß zum Bewusstsein verholfen? Wie konnte ich all die ganze Zeit über tief im Innern so etwas wie Liebe für André empfinden und es nicht einmal merken? Wieso hab ich es dann doch plötzlich gemerkt? Und wie kann ich mir jemals im Leben sicher sein, dass mir so etwas Schreckliches nicht noch einmal passiert? Bei irgendwem anders vielleicht. Hätte ich doch bloß irgendwie nichts ahnend weitermachen können. Vielleicht wären wir heute noch befreundet. Jemanden, den man liebt, nicht zu bekommen, das kannte ich ja vorher schon, aber ich habe nie gewusst, wie weh es tut, eine Freundschaft zu verlieren.

 
Ich denke nicht mehr jede Minute an jedem Tag an ihn. Er ist nicht mehr allgegenwärtig. Jeder Moment, an dem er jetzt nicht mehr in meinen Gedanken ist, ist nicht mehr mit Schmerz erfüllt, nur mit Einsamkeit. Ich unternehme sogar schon wieder halbherzige Versuche, auf die Suche zu gehen nach irgendwem anders, nach ein bisschen Inhalt vielleicht, irgendetwas, das nicht noch mehr Nichts in mich hinein lässt. Freundschaft ist so kostbar, und es gibt niemals solche Schwärze wie die, die das Herz erfüllt, wenn ein Freund aus dem Leben verschwindet.

 
Meinen Alltag erhalte ich künstlich aufrecht, und wenn es eine Weile funktioniert, werde ich ruhiger. Selbst die Momente dazwischen, wenn man schluchzend ins Kissen beißt, sind nicht ganz so schlimm, denn sie werden ja auch seltener. Am schlimmsten ist es immer noch dann, wenn irgendein Anblick einem das Blut im Herzen kalt werden lässt, wenn man sitzt und starrt ohne zu sehen, mit einem Magen aus Stein, oder wenn die Zeit plötzlich für einen Sekundenbruchteil anhält und einem die Knie weich werden und zittern. Wenn man sich fragt, ob man sich noch einmal umdrehen kann. Darf. Sollte. Ich wünsche mich in eine Zeit zurück, in der es mir auch nicht gut ging, aber in der es wenigstens eine Sache gab, die natürlich und von selbst und frei war. Diese Freundschaft musste ich nicht künstlich aufrechterhalten; sie konnte ich wirklich fühlen, wenn ich es auch nicht so bewusst getan habe, wie ich es heute tue. Ich wünschte, ich hätte es getan, und die Erinnerung fest in mir gespeichert, für schlechtere Zeiten. Für Zeiten wie diese. Die Erinnerungen sind noch da, aber ich weiß schon nicht mehr, ob sie noch wirklich sind, oder ob mein trauerndes Hirn schon alles verklärt. Die erste Hälfte dieses Jahres scheint schon eine Lebenszeit her zu sein. Meine Lebenszeit. Es ist alles so blass und leise. Ich habe Angst vor den Weihnachtstagen.

16.12.07 18:37


15.12.2007 Malen mit dem Farbkasten

Ich drücke mich schon wieder die ganze Woche über vor dem Schreiben. Ich habe funktioniert: ein Referat gehalten, gelernt, Geld verdient. Jetzt ist Wochenende. Ich habe mir wieder viel vorgenommen, und ausnahmslos alles davon hat etwas mit dem Funktionieren zu tun. Ich sehe dieses Wochenende wie eine kleine Generalprobe für die Weihnachtsferien – wenn ich in dieser kompletten, einsamen Woche alles hinkriegen will, was die Welt und ich von mir erwarten, dann sollte das an diesem kurzen Wochenende doch erst recht möglich sein. Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe. In der vergangenen Woche kam ich mehrmals abends nach Hause, habe mich direkt ins Bett gelegt, und nur noch Videos geschaut, damit ich nicht mehr denken muss. Und mit direkt meine ich direkt: ich zog mir nur Schuhe und Jacke aus, habe noch nicht einmal etwas gegessen vorher, habe nichts erledigt hier, mich nicht einmal umgezogen. Bewusst war mir das immer erst dann, wenn ich morgens in meinen Klamotten im Bett aufgewacht bin. An keinem Abend konnte ich diesen wachen, bewussten Zustand mehr ertragen, in dem man gewöhnlich durch den Tag geht. Die Welt macht einen fertig.

 
Alkohol hilft bei mir in solchen Fällen nicht, weil er meine Gedanken nur noch schneller und lauter macht und in böse Kreisbahnen lenkt. Kiffen ist auch nicht mein Ding – es macht mich dumm und nimmt mir die Kraft zu kämpfen. Und auch wenn ich oberflächlich erst einmal von der großen normativen Last und dem Zwang zur Disziplin befreit bin, so ist mir doch auch wenn ich total breit bin immer klar, dass da unter der Oberfläche etwas auf mich wartet, auf mich lauert, das nicht nur nicht von alleine weggeht, sondern immer größer und stärker wird, bis ich keine Chance mehr habe, wenn es meinen Kopf angreift. Aus diesem Grund schaue ich Serien. Ich kann vergessen, was um mich herum ist, kann eintauchen in eine andere Realität, die immer besser zu sein scheint als meine. Abends erwarten mich alte Bekannte auf dem Bildschirm – ich fühle mich zu Hause. Und da man keinen Kater entwickelt, es weder Leber noch Lungen noch Hirn noch Geldbeutel schadet, geht man in diesem Falle auch nicht mit der gewohnten Vorsicht an die Sache heran, die man bei anderen Rauschmitteln immer walten lässt. Ehe man es sich versieht, sitzt man da und schaut jeden Abend für Stunden, von 6 oder 7 oder 8 (je nachdem wann man von der Arbeit oder aus der Uni kommt) bis man einschläft. Man kocht nichts Leckeres mehr, man lässt den Haushalt liegen, man trifft keine Freunde und Bekannten. Hauptsache man kann den Kopf betäuben. Abschalten durch Einschalten. Bin ich froh, dass ich keinen Fernseher habe, sonst würde ich mich dem Programm dort wohl genauso hingeben – und damit der totalen Verdummung.

 
An einem Abend in der letzten Woche habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass meine Gedanken lauter waren als die Folge, die hier gerade über den Monitor flackerte. Das war beängstigend und neu. Die Gedanken an sich sind eigentlich gar nicht das Schlimme daran. Wenn ich aufschreiben sollte, was daran in Worte zu fassen ist, bekäme ich die für mich typische Mischung aus Misanthropie, großer Weisheit, Zynismus, Narzissmus, Komplexen, ethischen Überlegungen und dem inneren Zurückgelehntsein, das sich aus Gelassenheit, Fatalismus und Resignation zusammensetzt. Klingt für Außenstehende vielleicht nicht gerade wie ein erstrebenswerter Weg zu Denken, aber für mich ist es alles was ich kenne und habe, und damit beruhigend. Wenn meine Gedanken Worte bilden, ist das alles nicht schlimm für mich. Nichts alarmierend Dysfunktionales dabei, nichts was mich in der nächsten Zeit dazu bringt, mich oder jemand anderen umzubringen oder von heute auf morgen aus dem System rauszufallen. (Das ist es ja, wonach sie alle Ausschau halten, aber auf dieser Schiene kriegen sie mich nicht.) Es sind vielmehr die Gefühle, die mit den Gedanken einhergehen, die ich nicht ertrage und vor denen ich jeden Abend so dringend Abstand brauche. Ich kann sie kaum beschreiben, ich kann nicht einmal erklären, was es ist, das mich immer wieder vor ihnen fliehen lässt. Sie sind so vielfältig und komplex miteinander verwoben, dass ich selbst nicht einmal ganz da hinter komme. Ich kann einzelne unter ihnen identifizieren – mehr aber nicht. Zumindest unter diesen kann ich dann aber deutlich ausmachen, welches das schlimmste ist. Es tritt immer dann auf, wenn ich etwas erlebe, das mich aufregen sollte, mich berühren, mir etwas ausmachen sollte, dass mir Ärger oder Angst einjagen sollte. Statt der zu erwartenden Gefühle empfinde ich dann jedoch ein seltsam-stumpfes Nicht-Empfinden, einen hohlen, lähmenden Kloß, der nicht wehtut, der eigentlich gar nichts tut. Was andere zur Explosion bringt, nehme ich kommentarlos entgegen, weil ich es nicht anders erwartet hätte, weil es immer schon so war, weil es das Gesetz des Seins ist, gegen das sich die anderen auflehnen, weil sie es nicht durchschauen. Ich sehe in all den Ereignissen keinen Ärger, keinen Schmerz, keine Freude, weil ich gelernt habe, dass sie einfach vorkommen, ohne dass man ihnen Attribute zuschreiben kann. Was andere zutiefst rührt, bringt bei mir ein Achselzucken hervor, und dieses Nichtverstehen der anderen: Wie kannst du nur einfach so dasitzen? Ich zucke dann wieder mit den Achseln, aber im inneren denke ich mir: was heißt hier ‚kannst’? ‚Musst’ passt wohl eher. Ich habe mir die Gleichgültigkeit nicht ausgesucht.

 
Ereignisse sind emotional gefärbt – für den Rest der Welt. Für mich fehlen die Emotionen oftmals, und damit die Farbe. Der Wert. Der Sinn. Ich sitze dafür im Nachhinein da, und versuche mühsam, dem Ganzen auf rationale Weise Farben zuzuordnen, zu reflektieren, Wert zuzuschreiben, damit meine Welt nicht komplett farblos dasteht. Eine ganz farblose Welt ist nicht einmal schwarz oder weiß, sie ist transparent. Durchsichtig. Das ist viel furchtbarer. Man kann nicht nur in sie hineinsehen und auf schreckliche Weise erkennen, wie sie funktioniert, nämlich seelenlos; man sieht auch komplett durch sie hindurch, durch sie hinweg, ohne Halt zu finden für sich selbst, und man sieht, dass auch dahinter einfach nur Nichts ist. Deshalb sitze ich da und ordne den Dingen der Welt mühsam – und künstlich, weil kognitiv – Farben zu, die andere Menschen ganz natürlich schon an den Dingen vorfinden und über die sie sich dann freuen oder ärgern können. Dieses Zuordnen ist so anstrengend und ermüdend, und so sinnlos, weil auch zugeordnete Farben bei mir nicht Freude oder Ärger oder sonstige Emotionen auslösen, sondern nur das Bewusstsein dessen, dass die Farben lediglich zugeordnet sind. Nicht bunt, sondern bunt angemalt. Das ist so erschöpfend, und das ist es, wovor ich jeden Abend weglaufe, wenn ich mich in die anderen Welten mit den guten alten Bekannten flüchte.

 
Ich gebe es offen zu, ich bin über die Zeit süchtig geworden. Man merkt es nicht so leicht, weil einem das Geld nicht so schnell ausgeht wie bei stofflichen Drogen, und weil der Körper nicht irgendwann protestiert. Aber ich weiß es. Ich habe es gespürt, dieses Verlangen nach Vergessenheit, nach dem Abtauchen und Loslassen. Und immer mal wieder schleicht sich auch dieser Gedanke in meinen Kopf, der mich fragt, was ich mit der so verschwendeten Zeit alles hätte machen können, wenn ich nicht im Bett gesessen und auf den Monitor gestarrt hätte. Wahrscheinlich hätte ich über die Jahre gesehen schon den Mastertitel in der Tasche und wäre schon Doktorand oder so ähnlich. Oder ich hätte so viel Privatleben, dass ich mich sogar gut genug auf irgendwen hätte einlassen können, um eine feste Beziehung zu führen. Man weiß es nicht. Das einzige was ich weiß ist, dass mein jetziges Verhalten (in netten Worten) suboptimal ist, und dass ich trotzdem keine Alternative dazu habe, mir nicht einmal eine einfallen würde, die ich nicht habe. Ich muss raus aus meinem Kopf, wenn der Tag zur Neige geht, ich muss allein sein und flüchten können, und ich weiß nicht, wie ich es sonst anstellen sollte. Sieht wohl so aus, als geht das noch eine Weile so weiter.

15.12.07 08:22


08.12.2007 Coming home

Ich komme gerade nach Hause vom Schlittschuhlaufen. Es war ein schöner Nachmittag; ich habe liebe Leute kennen gelernt, und mir ging es auch zuerst ziemlich gut. Aber wie das so ist mit meinem guten alten Hirn: was gut ist, bleibt nicht so. Irgendwann kam ich auf die vielen, vielen Menschen nicht mehr klar, und erst recht nicht auf die lärmende Discomusik. Die Leute überall waren plötzlich wieder besonders eklig; ich bekam den ständigen Drang, mir die Hände zu waschen, was ich aber nicht konnte, weil das Klo schon vom Eingang aus so widerlich aussah mit den ganzen Tussis drin, dass ich da auf keinen Fall rein konnte. Ich hab ein bisschen Herzrasen bekommen, war ein paar Mal abwesend, und jetzt habe ich wieder einen fetten Tinnitus. Es tat mir ein bisschen leid wegen der anderen, weil ich gern noch mehr mit ihnen gequatscht hätte hinterher.

 
Als ich jedenfalls in der Bahn hinterher wieder allein war, hab ich mir sofort Musik angemacht, um das Stimmengewirr, den schmatzenden Jungen neben mir, das Fahrtgeräusch und den Tinnitus nicht zu hören. Ich bin abgetaucht in die samtweich-dunkelbunte Junkie-Musik von Velvet Underground, habe die Zug- und anschließende Busfahrt zu etwas Surrealem gemacht. Ich bin geschwankt zwischen dem Ärger darüber, dass ich wieder nicht ganz normal Spaß haben kann wie alle anderen, und den positiven Seiten dieses Tages. Vom Hauptbahnhof an hatte ich einen nassen Fuß, weil ich in eine knöcheltiefe Pfütze getreten bin. In der Bahnhofshalle lief ein hässliches Kind rum, das original aussah wie Adolf Hitler, nur eben im weißen Jogginganzug. Sowas macht schlechte Laune. Auf dem Weg vom Bus nach Hause musste ich mich mit dem Wind um meinen Schirm streiten.

 
Als ich dann gerade eben vor der Haustür stand, mit dem nassen Fuß noch eine Treppenstufe tiefer, mit der einen Hand gegen den Schirm kämpfte, der sich dagegen wehrte zusammengeklappt zu werden, und mit der anderen in meiner bodenlosen Riesentasche nach den Schlüsseln suchte, drehte ich mich kurz um zum Licht, und genau in dem Moment fiel mein Blick direkt in Andrés Augen, nur für eine Sekunde. Er war hinter mir durch den Garten gegangen, selber wohl auf dem Weg zum Bus. Er war am telefonieren, und unsere Blicke trafen sich nur kurz. Ich habe Hallo gesagt, aber ich kann nicht sagen, ob er es gehört hat, oder ob er zurück gegrüßt hat – ich hatte ja Musik an. Und noch in der gleichen Sekunde war ich so froh, dass ich Musik anhatte. Ich wollte – und will – überhaupt nicht wissen, mit wem er da telefoniert hat, und erst recht nicht, was er zu ihr gesagt hat. Und ich danke Lou Reed dafür, dass ich nicht hören musste, wie er von seiner Tür bis zu meiner Tür im Garten hinter mir gelaufen ist. Die paar Meter wären mir wie Meilen vorgekommen. Als ich eben mein Zimmer betreten und das Licht angemacht habe, hätte ich mir am liebsten harte, harte Drogen gewünscht, oder wenigstens eine barmherzige Ohnmacht.

 
Wenn ich hier fertig bin mit Schreiben, ziehe ich mir Schlafklamotten an, lege mir Schoki und Eis zurecht, lasse die Tür einen Spalt auf für Ami und lege mich dann nur noch ins Bett. Eigentlich wollte ich noch gelernt haben (lese zur Zeit einen hochinteressanten Text), aber mein Gehirn muss ausgeschaltet werden, sonst muss ich heute noch heulen oder jemanden verhauen oder mir ewig die Hände waschen oder sonst was. Ich werde mir Serien reinziehen bis zum Einschlafen; vielleicht stelle ich mir auch ein paar Folgen auf Repeat, so dass sie die ganze Nacht durch laufen und in meine Träume eindringen und die wirkliche Welt aus ihnen raushalten. Und der Nachmittag ist so gut gewesen… Was ich morgen tue, entscheide ich dann morgen.

8.12.07 22:04


07.12.2007 Sturmmorgen

Ich höre den Soundtrack zu „Hannibal“. Draußen stürmt es noch, so wie die ganze Nacht hindurch. Es ist auch nicht wirklich hell; es herrscht eine bläuliche Dämmerung, obwohl der Streifen Himmel, den ich von meinem Fenster aus sehen kann, strahlend blau und klar ist. Eins der Stücke des Soundtracks gerade klang ganz besonders schön. Ich habe nachgeschaut, wie es heißt; es nennt sich „Virtue“. Wie passend für mich.

 
Ich fühle mich wieder der Welt nicht gewachsen. Ich muss raus hier und Dinge erledigen, aber ich fühle mich draußen so exponiert. Und meine Augen müssen so ungeschützt alles sehen, ich habe immer Angst, etwas zu sehen, das ich nicht sehen will. Ein grausames Bild vor Augen zu haben und nicht zu wissen, was mein Kopf damit machen soll.

Gestern standen sie kostümiert vor meiner Tür und wollten mich mitnehmen zum Nikolaus-Saufen. Ich bin nicht mit ihnen gegangen. Ich war dankbar, dass sie nicht weiter gefragt haben. Ich wäre so gerne hin gegangen, hätte mich so gerne ein wenig unterhalten und viel getrunken, zumindest so viel, dass der Schmerz ein wenig nachlässt. Aber dafür bin ich zu schwach, zu feige, und das wird so lange so bleiben, wie André hier im Haus wohnt und sie zu ihm auch hingehen und ihn einladen. So sehr ich mich danach sehne, ihn zu sehen, so große Angst habe ich auch davor. Manche Dinge kriegt man einfach nicht hin, so albern es auch scheinen mag.

 
Heute ist wieder einer der Tage, an denen ich am liebsten nur liegen und schlafen möchte, so lange bis die Welt um mich herum eine andere geworden ist. Ich fluche dabei auf meine verdammte Vernunft, denn sie ist es am Ende, die mir immer wieder vorhält, dass selbst wenn die Welt um mich herum tausend Jahre weiter sein sollte, ich immer noch die gleiche sein werde, immer noch ich, mit den gleichen Augen sehend, mit der gleichen Leere im Innern, in den selben Mustern denkend. Ich komme hier niemals raus. Ich bin schon so lange dabei zu lernen, damit zu leben, aber ich habe das Gefühl, ich werde nie ganz Frieden schließen mit mir selbst. Ich werde nie aufhören, mir etwas anderes zu wünschen, mich fort zu wünschen, mir eine geglückte Flucht herbei zu sehnen.

 
In solchen Momenten sehne ich mich ganz besonders nach André. Er konnte an solchen Zuständen auch nichts ändern, aber in seiner Gegenwart herrschte immer so ein beruhigendes Nicht-darüber-sprechen-Müssen, und wenn alles nichts half, dann hat er mir Schoki gebracht oder Seifenblasen. Gestern noch hab ich ein paar Folgen CSI geguckt und dabei wieder vor meinem geistigen Auge gesehen, wie er neben mir die Augen verdreht und anfängt zu mosern, wenn es besonders unrealistisch wird. Allein bei dem Gedanken steigen mir Tränen in die Augen. Ich heule jetzt nicht, ich muss doch gleich raus in die Welt, funktionieren.

 
Ich habe für Weihnachten Drogen bestellt. Hoffentlich krieg ich welche. Ich muss so was von raus hier. Ich will nach Hamm zu den Jungs, mich endlich wieder für eine Nacht zuhause fühlen. Ich brauche ein bisschen Flucht und eine Auszeit, sonst ersticke ich. Besondere Angst habe ich davor, nach hierhin zurückzukehren, am ersten Weihnachtstag, wenn es hier totenstill und wie ausgestorben ist, wenn ich hier sitze und mich daran erinnern muss, wie André und ich den letzten ersten Weihnachtstag verbracht haben. Ich glaube das wird ein ganz neues Level von Einsamkeit. Mal sehen wie es dann aussieht mit dem Funktionieren.

7.12.07 10:09


06.12.2007 Unter Wasser

Mir ging es jetzt einige Tage lang relativ gut, aber jetzt ist glaub ich wieder Schluss damit. Körperlich bin ich wieder etwas besser dabei; seelisch geht es wieder los. Ich fühle mich unzulänglich, unausreichend, ungenügend. Ich muss ein bisschen was schaffen, damit ich wieder den Kriterien entsprechen kann, auf die diese Welt so sehr achtet. Es ist wichtig, diesen Kriterien zu entsprechen, damit mein Fuß in der Tür bleibt. Tag für Tag bin ich Leere, Sinnlosigkeit und Einsamkeit ausgesetzt. Den Windmühlenkampf dagegen kann man nur stetig fortsetzen innerhalb der Gesellschaft; aus der Isolation heraus hat man keine Chance. Deshalb hab ich leider nur die Wahl, mich entweder als Hartz IV-Sofasitzer mit selbigen zu umgeben, die sich oft so auch noch wohlfühlen und die Sinnlosigkeit quasi verkörpern, oder ich muss diesen verdammten Kriterien entsprechen. Produktivität. Effizienz. Gehalt. Resultate. Get rich or die trying. So weit werde ich natürlich nicht gehen, aber es ist zur Zeit schon schwer genug, überhaupt meinen Alltag zusammen zu halten. Mir gehen hier die Gebrauchsgegenstände aus, weil ich nicht mehr einkaufen war. Die Zahl der zu schreibenden Hausarbeiten bleibt konstant auf hohem Level, weil ich mich nicht hinsetze und anfange. Hier türmt sich ein Berg von Klamotten an, die allesamt auseinander fallen, weil ich es nicht hinkriege, mal Nadel und Faden in die Hand zu nehmen. Alles Kleinigkeiten, aber nicht einmal die funktionieren. Arbeiten gehe ich noch, aber auch nur, weil da stetig und konstant die Existenzangst im Nacken sitzt. Sobald man die von mir wegnimmt, komme ich zum Stillstand und funktioniere gar nicht mehr. Ich bin ganz klassisch das, was man in der Chemie endotherm nennt; man muss mir schon Energie zuführen, am besten in Form gewaltiger Arschtritte, damit ich irgendwie reagiere.

Ich könnte heulen, wenn ich mir diese Eigenschaften meiner Selbst vor Augen führe, aber ändern kann ich sie nicht. Das hält mich jedoch nicht davon ab, es trotzdem jeden Tag neu zu versuchen. Und wieder ist das Leben ein Kampf. Ohne nach irgendeinem Sinn zu fragen, stehe ich morgens auf und mache und tue und versuche. Meine einzige Hoffnung dabei ist, dass sich irgendwann vielleicht einmal die Gelegenheit ergibt, in eine Situation zu kommen, in der ich eventuell sogar die Chance hätte, so etwas wie Sinn oder Inhalt zu finden, wenn ich mich nur weiter schön anstrenge und funktioniere. Ich bin wieder der Streckentaucher, der schon lange keine Luft mehr hat, aber trotzdem einfach weitertaucht, obwohl ihm schon die schwarzen Pünktchen vor den Augen tanzen, nur weil er in der Ferne in dem trüben Wasser ein verschwommenes Ziel im Blick zu haben glaubt, das sich vielleicht anzustreben lohnt. Und mein Wasser ist verdammt trübe. Und mein Wasser ist kalt.

6.12.07 07:59


04.12.2007 Küssen

Angestoßen durch einen Thread über den Widerwillen bei körperlichen Berührungen, denke ich gerade noch einmal über diese Unsitte des Küsschengebens nach. Ich mag es nicht, sich zur Begrüßung Schmatzer auf die Wange zu drücken, und ich mag es erst recht nicht, nur so zu tun, als berühre man die Wange des anderen. Cat schien oft ein wenig beleidigt zu sein, wenn ich gesagt hab, dass ich das nicht leiden kann, und dass mir eine ehrliche Umarmung lieber wäre. Ich verstehe einerseits, dass sie gekränkt ist, aber andererseits hab ich sie sehr gerne, und es tut mir weh, wenn sie mich so begrüßt wie die Tussis in der Uni-Cafeteria sich begrüßen, obwohl sie nicht mehr miteinander zu tun haben, als Zigaretten zu schnorren und sich über Friseurbesuche zu unterhalten. Seit wann ist ein Handschlag nicht mehr ok? Ich hab nichts gegen einen aufrechten Handschlag, egal wie elaboriert er sein mag (wir nannten ihn früher „chuck“, aber ich hab keine Ahnung, ob man das so schreibt), und auch eine Umarmung ist bei lieben Menschen absolut in Ordnung, sogar sehr herzlich und angenehm. Aber diese „Bussis“, wie die Leute im Süden dazu sagen, finde ich furchtbar. Hohl, nichtssagend, heuchlerisch, affektiert, bei Frauen überkandidelt und bei Männern sogar unmännlich – das ist alles, was mir dazu einfällt.


Ich weiß nicht, woher dieses Unbehagen kommt, aber es hat bestimmt etwas damit zu tun, wie ich allgemein über den Kuss denke, egal wie intensiv oder wie flüchtig er sein mag. Ein Kuss ist für mich eine Liebesbezeugung. Ich küsse nicht, wenn ich nicht liebe. Das war in der Jugendzeit natürlich ganz anders, da wurde auf jeder Party rumgemacht bis der Arzt kommt. Aber mit der Zeit schleicht sich die Leere in diese Geste ein, und wirklich etwas bedeuten tut der Kuss nur noch dann, wenn der Mensch in meinen Armen auch etwas bedeutet. Heute ist ein Kuss privat und intim und definitiv eine Liebeserklärung. Ich weiß nicht, ob ich in der Öffentlichkeit knutschen könnte. Und was Affären angeht – wenn mir jemand sympathisch ist, kann ich mit ihm Sex haben, eine Menge Spaß haben, aber ich werde nicht rumknutschen dabei. Anfangs kam ich mir etwas doof vor mit dieser Einstellung, die immer ein bisschen so wirkt, als habe man sie bei „Pretty Woman“ abgeguckt, aber über die Jahre habe ich gemerkt, dass ich damit überhaupt nicht alleine dastehe, dass viele das so handhaben, ohne dass das jemals abgesprochen wird. Axel und ich haben uns damals auch nicht geküsst. Thorsten oder Nico sowieso nicht. Die Punks in der alten Heimat knutsche ich aus purer Freundschaft – auch bei ihnen ist mein Kuss eine Liebeserklärung, aber sie betrifft Liebe im Sinne von Seelenverwandtschaft.


Als André und ich vor tausend Jahren die ersten Male miteinander abgestürzt sind, haben wir uns auch geküsst. Er war damals der erste Mensch, bei dem ich bewusst erfahren habe, dass er genauso denkt wie ich. Es war nämlich allgemein etwas unbehaglich, bis er das Thema auf den Tisch gebracht hat und wir uns einigten, nicht mehr zu knutschen. Für mich war es eine Riesenerleichterung. Es hat alles viel einfacher gemacht damals (und alles andere unmöglich). Ich habe also zwei Jahre lang mit einem Mann Sex gehabt, den ich nicht geküsst habe. Wir haben auch nie gekuschelt oder beim anderen übernachtet, also geschlafen. War das ok? Ja das war es. Damals war es das. Ich habe zwar manchmal Zärtlichkeit und Liebe vermisst, aber nicht mehr als jeder andere auch, der über Jahre hinweg solo ist. Aber ich hätte von André nicht erwartet, dass er diesen Job übernimmt, denn darum ging es ja nie. Erst zum Schluss bin ich durchgedreht, und erst jetzt ist mir klar, dass es einen mit Nichts zurücklässt, wenn man sich gegenseitig immer um sich hat und sich doch auf Abstand hält. Wie konnte mir das nur nie auffallen, dass es kein befriedigender Zustand ist, nicht geliebt zu werden? Wie konnte ich zwei Jahre lang nur so genügsam sein, Zufriedenheit zu empfinden damit, was er mir gegeben hat, statt das ganze abzubrechen und mir jemanden zu suchen, der sich auf mich einlassen kann? Im Nachhinein hinterlässt es nur Leere. Es ist ein Paradox: Ich habe wunderschöne Erinnerungen an verschwendete Jahre.


Ich kann André keine Schuld geben. Wahrscheinlich ist es nicht ok, zwei Jahre zu leben wie ein Altes Ehepaar, ohne den anderen jemals zu lieben. Aber es war doch von meiner Seite aus genauso. Ich habe Knutschen doch genauso als Hippiekacke angesehen wie er. Und wie gut kann ich mich daran erinnern, Cat oder Mareike erzählt zu haben, dass ich niemals eine Beziehung mit André haben könnte, weil der Gedanke absurd ist. Ich habe mir einen emotionalen Krüppel ausgesucht, um meinen Alltag mit ihm zu verbringen, weil ich selber einer bin, weil ich jemanden brauche, der den Abstand wahrt. Weil ich das Schaudern kriege, wenn jemand mir näher sein will als ich ihm. Weil ich für immer und ewig widerwärtigen Ekel verspüre, wenn jemand mich knutscht, den ich nicht knutschen will. André hat mir den Raum gelassen, immer, weil er ihn selbst gebraucht hat. Er war zu allen Menschen so. Nur jetzt scheint er den Raum auf einmal nicht mehr zu brauchen. Wenn er sich verknallt, wird er plötzlich wie alle anderen. Was zum Teufel ist bloß passiert?

4.12.07 07:58


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