Sonnenuntergang
Tagebuch



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8.2.08 Sonne, was geht hier vor?

Das erste Mal dieses Jahr ist die Sonne so hell, dass sie weckt. Ich bin wach, aktiv, auf den Beinen, obwohl ich gestern mit André gesoffen habe und mir der Whisky noch jede Faser meines Körpers vergiftet. Die Jungs holen gerade die Gartenstühle aus dem Keller; heute Abend wird angerillt. 12 Grad reichen hier dafür. In solchen Momenten liebe ich das Wohnheim wieder. Ich selbst habe merkwürdig gute Laune seit gestern Nachmittag. Seitdem habe ich offiziell vorlesungsfreie Zeit. Habe mein Semester gestern mit einer mündlichen Prüfung beendet, die so einfach war, dass man es eigentlich einen Skandal nennen müsste. Weit hinten hinter meiner Stirn lauert natürlich die Angst, dass ich nächste Woche wieder zusammenbreche, mich unter der Bettdecke vor der Welt verstecke, von jeder Bewegung fürchte, dass sie Wunden schlägt, von jedem Wort, dass es Hass erzeugt, von jedem Geräusch, dass es mich zerschmettert. Die Angst jedoch wird derzeit gerade überstrahlt von der Sonne – immer wieder habe ich seit gestern für ganz kurze Momente das Gefühl, dass das Leben doch nicht ganz so schwierig ist. Und was mich überwältigt, was mich übermannt, das kann ich ohnehin nicht ändern, also sollte ich lernen, es mit Gelassenheit zu ertragen.

 
Da war wieder etwas, das mich überwältigt hat gestern. Dieselben alten Gefühle, neu hochgebrannt. Seit Wochen strecke ich meine Fühler in der Welt aus, damit mein Leben weiter geht, damit ich irgendwann irgendwo am Wegesrand etwas finde, das mich daran erinnert, dass es noch mehr gibt im Alltag als Zynismus und unerfüllte Liebe – in einfachen Worten, mehr als André. Dann habe ich ihn schon einmal drei Wochen nicht gesehen, dann sitz er schon einmal hier und trinkt Whisky mit mir und erzählt mir, dass es ihm nicht gut geht, und sofort tut mein Herz weh. Er erzählt mir, dass seine Heike allein auf Reisen gehen will, ans Ende der Welt, für ein ganzes Jahr. In meinem Innern mischen sich die herbsten Dinge zusammen. Der Schmerz darüber, ihn schlicht und einfach unglücklich zu sehen. Wut auf Heike, weil sie so etwas Dummes vorhat, weil sie offensichtlich nicht rafft, was wirklich wichtig ist im Leben. Hämisches Ich-wusste-doch-die-Frau-ist-nicht-gut-für-dich-Gefühl, Verzweiflung darüber, dass nicht ich diejenige bin, der er glauben wird, dass irgendwann alles wieder gut wird, dass nicht ich diejenige sein darf, die ihn in den Arm nimmt und ihn so lange hält bis alles nicht mehr so schlimm ist. Ist das egoistisch, wenn man seine eigene Machtlosigkeit darüber verdammt, einen geliebten Menschen leiden zu sehen? Interessiert mich das, ob das egoistisch ist? Eigentlich nicht, die Frage war rhetorisch.

 
Es gibt scheinbar Dinge, die sind nie wirklich vorbei. Das ist keine neue Erkenntnis für mich – alle Menschen, die ich jemals heiß und innig geliebt habe, werden mich nie ganz verlassen. Aber all die Gesichter von früher sind weit weg, in anderen Städten, begraben in anderen Zeiten, und wenn man sich sieht, verweilt man lediglich auf der nostalgischen „Weißt-du-noch?“-Ebene. Aber André ist noch hier, ewiger Nachbar, Nickname im Messenger, Name am Briefkasten, erleuchtetes Fenster im selben Gebäude, in dem auch mein Fenster leuchtet. Wenn das alles aufhören soll, dieses Gefühl von Ewigkeit, von niemals rauskommen aus der Spirale, von Gänsehaut und kompromisslosen inneren Loyalitätsschwüren wenn ich ihn nur rieche, dann brauche ich Abstand, dann muss die Welt sich weiter drehen. Ich wünschte er würde mitgehen mit Heike. Ich wünschte er könnte. Dann wäre er weg, dann könnte ich inneren Frieden finden mit mir selbst, und er könnte etwas lernen, was auch immer das sein mag, eine Lektion fürs Leben, damit er in seiner verliebten Verblendung nicht so traurig und kummervoll aussieht. Eine solche Lektion könnte ich auch gebrauchen.

8.2.08 12:15
 



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