Sonnenuntergang
Tagebuch



Links:
17.2.08 Wintersonntagmittag

Ich verliere mich wieder. Verliere mich selbst. Verliere den Tag. Ich liege still, bewege mich nicht, halte mit den Augen irgendeinen Punkt fest, auf dass sich der Punkt bewege. Innerlich renne ich um mein Leben, laufe so weit und so schnell ich kann, und weil ich nicht weiß wohin, will ich mich nur verstecken. Ich fühle mich der Welt und den anderen Menschen nicht nur unterlegen, ich spüre sogar, wie bewusst mir dieses Gefühl ist, während ich unter ihnen bin. Nur die verhasste Stadt der Kindheit (die gestern mein Ziel gewesen ist) löst in mir ein Überlegenheitsgefühl aus. Dort fahre ich durch die Straßen und laufe durch den Supermarkt und komme mir besser vor als all die anderen, weil ich es aus der Stadt hinaus geschafft habe, abgehauen bin, sie hinter mir gelassen habe, nur noch zu Besuch zurückkomme und jederzeit wieder weggehen kann. Kleinstadt mit Kleingeistern. Krämerseelen. Sie haben so viel Angst, dass sie sich gegenseitig die Freiheit nehmen, alles schlichtweg streichen, das über ihre Auffassungs- und Verarbeitungsgabe hinaus geht, und dann machen sie sich über sich gegenseitig lustig und sanktionieren eventuelle Ausreißer. Wer lebt immer noch zu frei, wer lebt zu sicher? Wer gehört nicht dazu? Jeder, der nicht genauso ist wie sie, ist potentielle Bedrohung und muss missbilligt werden. Wie gut, dass ich damals an diesem grauenhaften Ort nicht erstickt bin.

 
Jetzt bin ich in der großen Stadt, der großen Freiheit, so frei wie ein Mensch nur sein kann. Ich hab keine Ahnung wie das Morgen aussieht, um mich herum knüpfen alle ihre eigenen kleinen Netze, damit sie von irgendwas gehalten werden. Ich habe kein Geld und keine Liebe – was auch immer ich zu tun gedenke, nichts wird mich dabei aufhalten. Meinem Individualismus sind hier keine Grenzen gesetzt, überhaupt keine; ich kann mich drehen und wenden wie ich will, in jeder Richtung befind sich unendlich viel Platz, Raum, Leere. Simple Aktivität allein verliert hier ihren Zweck.

Drüben in der Stadt der Kindheit würde ich schon wieder auf Brückengeländern balancieren, mit den dubiosesten Charakteren schlafen, um mich abzugrenzen vom übrigen Moloch. Ich würde in Foyers und marmornen Hallen von großen Häusern laut dumme Lieder singen und morgens um zehn literweise Sekt trinken mit wem auch immer, mit allen, die sich das außer mir sonst noch trauen. Ich würde meinen Ruf so weit und so schnell und so absichtlich ruinieren, bis ich nichts als berüchtigt bin, einfach nur um das Gefühl haben zu können, überhaupt etwas zu sein. Hier interessiert das alles keinen. Was man tut hat so wenig Konsequenzen, dass man es ganz einfach sein lässt. In der Freiheit bin ich so verloren, dass ich mich so manches Mal in den sozialen Käfig zurück wünsche. Erst wenn ich dann wieder hinfahre und ihn mir anschaue, so wie gestern, wird mir wieder klar, dass ich noch immer das kleinere der beiden Übel gewählt habe.

 
Die letzte Woche habe ich außerhalb der Arbeit ausschließlich im Bett verbracht in dem Versuch, mich vor meinen Gedanken zu verstecken. Oder vielleicht festzustellen, dass da einfach keine mehr sind. Serien beruhigen und geben ein wenig Inhalt – im wahren Leben ist es weniger die Inhalts- als vielmehr die Sinnlosigkeit, die so schwer zu ertragen ist. Das einzige im Leben, was ich beständig herbeisehne und liebe und bei mir haben möchte, darf ich nicht lieben, und wie man Liebe für irgendwas anderes einfach aus dem Nichts heraus generiert, weiß ich auch noch immer nicht. Wann hört das seelische Provisorium bloß auf, das Überbrücken, dass Hangeln von einem mühseligen Tag zum nächsten? Ich wünschte ich hätte nie angefangen auch nur einen einzigen Gedankengang zu tun, ich wünschte ich wäre für immer dumm geblieben – oder nicht existent.

 
Die Sonne scheint grell draußen, und alle sind entspannt und gut gelaunt. Ich habe keine Wahl, ich muss gleich mit den anderen grillen – ich hatte seit Ewigkeiten kein Fleisch mehr, und außerdem bin ich eingeladen und habe schon dreimal ja gesagt ohne nachzudenken. Ich möchte am liebsten nur meine Schuhe ausziehen, die Gute-Laune-Musik ausstellen, mich unter der Bettdecke verkriechen, mich im Zeitlupentempo mit den Lieblingsfiguren meiner Serien zusammen betrinken, meine Fressalien um mich herum drapieren wie kleine Wachposten, die mich nicht aus den Augen lassen, während ich gnädig in erleichternden Schlaf hinüber drifte. Stattdessen werde ich mich gleich dem stechenden Sonnenlicht aussetzen, frierend, zusammengekauert, und werde mein bestes tun, mich am Rande der Kommunikation zu halten, nicht unhöflicherweise abwesend zu wirken, nicht den anstrengenden Mittelpunkt zu bilden. Ob sie es verstehen werden, wenn ich mich irgendwann zitternd und frierend eher verabschiede, wenn sie wissen, dass die Kälte von innen kommt? Ich glaub ich muss mich wirklich betrinken.

17.2.08 13:11
 



Designed by
Ginny-Luna
Gratis bloggen bei
myblog.de