Sonnenuntergang
Tagebuch



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21.2.08 Abschied für Süchtige

The West Wing ist zu Ende. Gestern und vorgestern bestimmt jeweils acht Stunden davor gesessen. Das habe ich mit Absicht gemacht. Ich wusste, wie süchtig ich bin, wie sehr mich das alles von dem abhält, was ich eigentlich machen sollte. Also bin ich jetzt mehrere Tage in diese Welt eingetaucht mit Haut und Haar – wenn ich ihr schon nicht entfliehen kann, so kann ich doch wenigstens die Ereignisse in ihr beschleunigen. Wenn ich morgens aufgewacht bin, hat die Auszeit des Schlafens schon bewirkt, dass ich so eine furchtbare Sehnsucht hatte, in der Welt dieser Serie zu sein – meinetwegen auch in jeder anderen, nur nicht in meiner. Ich habe dort geliebt, und manchmal, wenn ich mich hier zurückgelehnt habe, konnte ich mein Herz schlagen spüren. Ich habe Emotionen erlebt, an deren Stelle im wirklichen Leben nur Taubheit und bitterer Geschmack auf mich warten. Und je mehr Sinn jene Welt für mich machte, und je mehr ich mir wünschte, ein Teil davon zu sein, desto geringer war der Sinn in dieser hier.  Was heißt geringer – Nichts kann nicht noch geringer werden – aber desto deutlicher hatte ich dieses Nichts immer wieder vor Augen, sobald eine Folge zu Ende war und dieses Ende mich wieder mit Stille umgab.

 
Ab und zu, zwischendurch, musste ich an die verrinnende Zeit denken, an all das, was ich für die Uni noch nicht gemacht habe, an alles, was ich wieder aufschiebe, wovor ich mich verstecke, was ich bringen muss, weil die Welt es von mir erwartet, damit ich weiter mitspielen darf. Dann schoss mir jedes Mal das Blut in den Kopf, und mein Herz schlug ein wenig schneller, zwischen fordernd und panisch. Aber mein Verdrängungsmechanismus arbeitet so effektiv und wunderbar, dass dieses Gefühl jeweils nur Augenblicke dauerte. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre dabei wenn die Welt untergeht eines Tages. Dann könnte ich das erste Mal meinen Verdrängungsmechanismus in einen garstigen Wettbewerb mit allen anderen Menschen stellen, dann könnte ich endlich auch einmal erleben, dass er mir Gutes tut. Denn ich wäre bestimmt besser als der Rest der Welt, und wenn sie alle in grauenhafter Angst sterben, sitze ich entspannt da, mit irgendeiner Trivialität beschäftigt, und habe tatsächlich vergessen, dass hinter meinem Nacken das Verderben heranrauscht. Solange es jedoch nicht zu Ende ist; solange ich noch immer wieder aufwache jeden Tag und diese Welt auch, bekomme ich immer nur Schwierigkeiten mit dieser Mauer, die mich schützt und mir die Sicht so weit nimmt, dass ich nicht mehr weiß, in welche Richtung das richtige Leben dort draußen geht.

 
So war ich also gestern irgendwann bei der letzten Folge angelangt, nach viel zu vielen Zigaretten und so wenig Bewegung, dass mittlerweile regelmäßig meine Knie krampfen, meine Muskeln zittern und ich das Tageslicht nicht mehr vertrage. Ich konnte die Folge kaum genießen, weil ich die ganze Zeit Angst hatte, dass ich mich schon in den letzten 2 Minuten befinde und gleich der Abspann kommt. Ich habe Abschied genommen von all den bekannten Gesichtern, die mir über die Staffeln hinweg mehr ans Herz gewachsen sind als all meine Freunde und Familie zusammen. Ich habe Abschied genommen von Charakteren, die man so viel besser verstanden hat als all die ganzen unberechenbaren Hüllen, die im Alltagsleben immer mit einem sprechen, habe Abschied genommen von Liebe, die es in dieser puren Form im wahren Leben nicht gibt, und unverdorbener Intelligenz und Scharfsinn, und geplanten Zufällen, und von Versuchen, das Richtige zu tun, wie sie so aufrecht und stark im wahren Leben nicht unternommen werden, von Pathos, das in unserem Alltag keinen Platz hat und von Privatleben fressenden Berufen, die es zwar auch in diesem Leben gibt, die es aber in diesem Leben nicht wert sind. Ich saß dort in meiner Höhle, starrte auf den Bildschirm und wollte nicht, dass es vorbei ist.

 
Zwischen dem Ende und meiner Schlafenszeit waren ein paar nutzlose Stunden zu überbrücken. Ich wusste in der Tat nicht wohin mit mir. Ich schrieb André an, der aber keine Zeit hatte, und meine Gedanken stürzten wieder ab und kreisten um ihn, und ich suchte schon beinahe hektisch in meinen Festplatten nach etwas anderem, das ich gucken konnte, das mich ablenken würde. Ich sah mir am Ende ein paar blödsinnige Folgen einer nicht sehr komischen Serie an, die ich überdies schon einmal gesehen hatte, und trank einen ziemlich großen Martini dazu, damit mein Kopf die richtige Schwere zum Einschlafen bekommt. In der Nacht jedoch träumte ich von meinen guten alten Bekannten, wie all die anderen Nächte vorher auch. Und als ich heute morgen aufwachte, wurde mir als erstes traurigerweise klar, dass die schöne Welt, in die ich mich die letzten Wochen jeden Abend geflüchtet hatte, heute Abend nicht auf mich warten würde. Es hat meinen Tag beinahe gekillt. Ami war es, der mich heute geweckt hat um halb 6. Ich kuschelte lange mit ihm und gab ihm dann Frühstück. Normalerweise bleibe ich danach wach; normalerweise macht dieses schmusige kleine Wesen mir auch so gute Laune, dass ich in den Tag gehen kann, ohne diesen zu hassen. Heute Morgen war Ami jedoch eher Trost im Angesicht des Verlustes. Heute bin ich wieder schlafen gegangen, nachdem ich ihn gefüttert hatte, weil es sich nicht zu lohnen schien, wach zu bleiben.

 
Welch eine Ironie. Dabei hatte ich die Serie doch so dringend beenden wollen, damit ich morgens endlich wieder frisch und munter aufstehen kann, um meine Unisachen in Angriff zu nehmen, um meine Organisationsgänge zu erledigen, um meinen Kühlschrank mit Lebensmitteln auszustatten, um auch einmal andere Menschen zu sehen abends, statt nur die virtuellen auf dem Bildschirm. Wir haben zwar erst Mittag, aber seit ich wach bin hier, eiere ich nur ziellos umher, kriege nichts erledigt, empfinde keine Motivation, keine Freude. Manche sagen, man müsse nur ein bisschen daran arbeiten, dann wird das eigene, wirkliche Leben auch aufregender als Erdachtes. Hab ich das gewollt die letzten Tage? Wollte ich die Serie zu Ende bringen, um mit meinem richtigen Leben weitermachen zu können? Nein, ganz bestimmt nicht. Es ging nur ums Funktionieren. Ich musste die Serie beenden, damit ich wieder funktionieren kann. (Vielleicht geht das ja morgen.) Und ich muss funktionieren, damit die Basis da bleibt, die mein Körper hier im Leben braucht, damit mein Geist wieder in andere Welten eintauchen kann.

 
Ich bin schon immer ein Eskapist gewesen. Als Kind war ich bestimmt die einzige, die ein Jugendbuch an einem Nachmittag verschlungen hat. Später nahm ich meine Mahlzeiten mit ins Bett, wenn ich einen neuen Stephen King da hatte. Ich bin schon immer aus dieser Welt geflohen. Deswegen bin ich heute auch so süchtig nach jedem Scheiß, der ein bisschen Intelligenz besitzt und in Serie ausgestrahlt wird. Deswegen sammle ich andere Welten, weil ich mich aus dieser immer schon fort gewünscht habe. Ich lese oder schaue mich in die Köpfe all dieser wunderbaren Charaktere, weil man im wahren Leben nicht in sie hinein schauen kann. Weil man immer mit dieser Ungewissheit leben muss, ob das, was man sieht, das ist, wonach es scheint und ob das, wonach es scheint, überhaupt so scheint oder ob man sich noch nicht einmal sicher sein kann über die Natur der Illusion, die da scheint. Nicht einmal für den eigenen Kopf kann man auch nur irgend etwas wissen, denn wie oft ist es mir jetzt passiert, dass mir eines Tages plötzlich aufgeht, dass irgendetwas nicht so ist und niemals so war wie ich immer gedacht hatte. Wie oft musste ich mir schon vorwerfen, mich selbst betrogen zu haben? Die wahre Liebe, das ethische Prinzip als Priorität, der aufrechte, starke Charakter, das alles existiert nur als Konzept, niemals wirklich. Im wahren Leben gibt es nur leidige Kompromisse. Aber packen wir diese puren und reinen Konzepte in einen fiktiven Charakter und lassen in sein Leben leben in einem Buch oder einer Serie, dann werden sie plötzlich lebendig und bieten uns all das, was wir im wahren Leben niemals haben können. Ich rede gar nicht von solchen Klischee-Helden, die immer das Richtige tun. Selbst einer der alles falsch macht im Film ist besser als jeder reale Mensch – allein dadurch, dass er jedes Mal versucht, das Richtige zu tun. Das macht ihn jedem Durchschnittsmenschen gegenüber überlegen.

 
Ich denke manches Mal darüber nach, wie anders mein Leben aussähe, wenn die Menschen, denen ich begegne, generell so starke Charaktere wären wie die in Serien und Büchern. Wie wenig Angst ich haben müsste. Wie viel Vertrauen ich noch übrig hätte von all dem, was ja zwangsläufig irgendwann einmal da gewesen sein muss. Wie viel weniger Narbengewebe meine Seele jetzt hätte, dort  wo es in Wirklichkeit über all meine Gefühle drüber gewachsen ist, über meinen Mut und über all den Sinn, und wo es am Ende nichts von übrig gelassen hat. Ich muss so viel tun, muss funktionieren, aber ich schwöre, sobald ich wieder auf der Höhe bin, sobald ich meine Pflichten erledigt habe, werde ich wieder flüchten aus dieser Welt, raus hier, werde wieder eintauchen in welche Serie auch immer, damit ich diesem nieder drückenden Alltag entkommen kann. Ich bin wie ein Junkie, der jetzt versuchen wird, eine Weile clean zu bleiben, damit sein Körper wieder stark genug wird für neuen Stoff, damit er den Gewöhnungseffekt kurzzeitig ein wenig reduzieren kann. Ein Junkie, der auf Entzug geht und dabei genau weiß, dass er eigentlich nichts anderes will als zurückzukehren in die Vergessenheit. Und ich weiß, dass ich das bin.

21.2.08 12:39
 



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