Sonnenuntergang
Tagebuch



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25.2.08 Rutschende Hosen

Gerade beginnt wieder einer dieser Tage, für die ich mir so hoch motiviert vorgenommen habe, all das endlich zu beginnen, was die letzten Wochen über liegen geblieben ist. Ich bin schon seit einigen Stunden aktiv. Mein Kopf funktioniert wieder nicht richtig – meine Gedanken bleiben abstrakt, ungreifbar, und gehen auf ihrem Weg in mein Bewusstsein einfach verloren. Vorhin wollte ich einkaufen gehen, hatte die Jacke schon an und die Tasche mit den leeren Pfandflaschen in der Hand, als Ami vor meiner Tür stand und lauthals um Einlass bat. Ich habe sofort alles andere weggestellt, meine Jacke wieder ausgezogen und ausgiebig mit ihm gekuschelt. Jetzt liegt er in meinem Bett und schläft und streckt seine Pfötchen von sich. Und solange er hier liegt, werde ich auch mein Zimmer nicht verlassen, nicht einkaufen, keine Wäsche aufhängen, nicht zur Bank. Es klingt lächerlich, aber ich habe den Eindruck, dieses Gefühl so sehr zu brauchen, ihn einfach nur da liegen zu sehen und sein liebes Gesicht anzuschauen, während er schläft. Dieses kleine Wesen ist Ruhe und Trost, und keinen Moment seiner Anwesenheit würde ich eintauschen für die bedeutungslose Welt dort draußen.

 
Gestern hatte ich wieder einmal so eine Verabredung mit einem der vielen Chatter, mit denen man sich auf einen Kaffee einigt. Habe wieder jemanden kennen gelernt, dessen Welt so eine ganz andere ist als meine. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele unterschiedliche Arten gibt, wie man einander fremd sein kann – offensichtlich lerne ich da nie aus. Aber es soll keiner sagen, ich hätte es nicht versucht. Ich will ja neue Menschen und neue Eindrücke. Ich will ja aus dem Morast dieser Isolation raus, dem schalen Mief des Altbekannten und sich längst nicht mehr Bewährenden. Es ist nur nicht ganz so einfach, wie man sich das manchmal vorstellt. Und vielleicht kann man auch nicht einfach erwarten, Menschen kennen zu lernen, die einen ein Stück weit wecken, die nicht belanglos erscheinen, vor allem dann nicht, wenn diese neuen Menschen sich messen müssen mit anderen, die man eigentlich gar nicht als Maßstab mehr haben will.

 
Vorgestern war in Andrés Küche die Abschiedsparty eines unserer Nachbarn. Ich war nicht lange da, aber ich habe schnell und effizient getrunken an dem Abend. Es waren so viele Leute da, die ich sehr gerne mag – sogar Axel habe ich wieder gesehen. Trotzdem konnte ich den Abend nicht richtig genießen. Ich bin so unendlich müde geworden, kaum dass ich da war. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, und der einzige, mit dem ich die ganze Zeit rum stand und mich unterhielt, ohne das Gefühl zu haben, die Konversation sei komplett überflüssig, war André. Und selbst wir haben über nichts Wichtiges geredet. Zwischendurch waren wir für eine Minute oben bei ihm, weil meine Hose den ganzen Abend am rutschen war und er mir einen Gürtel geliehen hat. Vorher kam ich mir schon immer ganz verloren vor, wenn er mal kurz nicht im Raum war. Aber ich dachte nicht, dass es an ihm lag; ich dachte das liegt daran, dass ich mir momentan generell verloren vorkomme zwischen vielen Menschen, gerade wenn diese Spaß haben. Aber als er mir half, den Gürtel durch die Schlaufen zu ziehen, weil ich zu blöd dazu war, als er für diese drei Sekunden halb um mich herumfasste und mich dabei eigentlich kaum berührte, hat mich das so unglaublich angemacht, dass ich aufpassen musste, nicht schneller zu atmen. Eine an sich komplett unerotische Handlung jagte mir vorgestern eine solch harte Gänsehaut über den ganzen Körper, dass ich wohl immer an diesen kurzen, etwas doofen Moment denken werde, wenn ich mich an diese Party zurück erinnere. Wie soll ich es nur schaffen, über einen Menschen hinweg zu kommen, der noch solche Erregung wegen nichts und wieder nichts in mir auslösen kann?

 
Gestern Abend saß er hier und redete von Heike. Ich schätze ich hatte denselben Gesichtsausdruck wie immer; innerlich kriege ich langsam ein Magengeschwür. Ich hätte ihn am liebsten am Kragen gepackt, links und rechts geohrfeigt, ihn angeschrieen, dass er für sie sowieso nur ein Spielzeug ist und sie ihn in ihrem unreifen kleinen Kopf wie einen Mantel an die Seite hängen wird, wenn ihre nächste ach so erlebnisreiche Weltreise ansteht. Ich bin auch davon überzeugt, dass es ihm selbst ebenso klar ist, und dass er selbst kurz vor diesem Magengeschwür steht, weil er innerlich wegrennt vor dieser Tatsache, weil er einfach die Augen schließt und rennt, so schnell und so weit er kann, sich lieber zynisch bittersüße Geburtstagsgeschenke für sie ausdenkt, als mit Vernunft darüber nachzudenken, wo er denn bleiben wird, wenn sie erstmal weg ist. Es tut immer weh, wenn man sieht, wie Freunde in ihr eigenes Leid hinein rennen, aber es hat mir noch nie so wehgetan wie bei ihm. Trotzdem sage ich nichts, auch wenn ich es am liebsten jedes Mal würde, wenn ich ihn sehe. Ich träume sogar schon nachts davon, wie ich mich mit Heike streite. Ich halte meine Klappe, weil ich ihn nicht vergraulen will. Sollte sie wirklich tun was sie vorhat, sollte sie wirklich verschwinden, dann wird er Menschen um sich brauchen, Freunde, um nicht daran zu krepieren. Ich will nicht, dass er – falls es so weit ist – für sich allein bleibt, weil ich mich vorher mit ihm überworfen habe, nur um ihm Dinge zu sagen, die er sowieso weiß. Ich will, dass er mich da sein lässt, wenn es wirklich übel werden sollte.

 

25.2.08 10:36
 



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