Sonnenuntergang
Tagebuch



Links:
18.3.08 Menschenhass am Vormittag

Irgendwann in den Morgenstunden hab ich wieder merkwürdigen Blödsinn geträumt. Ich war mit ziemlich vielen Leuten – alle hier aus dem Wohnheim – duschen, in heruntergekommenen, halb funktionstüchtigen Duschen irgendwo im Keller (ja, ungefähr wie unsere, nur mehr davon, weitläufiger). Und wir waren alle nackt. Der Traum war weder sexuell noch verschämt, und vielleicht deshalb hatte ich ihn so positiv im Kopf, als ich wach geworden bin. Bestimmte Leute waren nicht dabei, und zwar genau solche, die die Bedeutung des ganzen in eine bestimmte Richtung gezogen hätten (kontroverse Figuren wie André oder Janci oder ekelhafte wie Julian); stattdessen kann ich mich an all die erinnern, mit denen ich über die Jahre am liebsten bei nem Bier im Garten gesessen habe: Jochen, Michael, Stefan, Jan, sogar Mariannes Alex war da.  Ich kann mich deswegen an jeden einzelnen erinnern, weil ich ihnen im Traum ins Gesicht gesehen habe, und nur ins Gesicht (wieder eine Abweichung davon, wie es im wahren Leben laufen würde), ohne dass mir das bewusst war. Sie dagegen haben mir nicht ausschließlich ins Gesicht gesehen, zumindest nicht wenn sie ein Stück weiter weg standen. In der Realität wäre mir das hochgradig unangenehm! Aber in diesem Traum hat mir das nicht nur nichts ausgemacht, ich fand es normal, natürlich, und fühlte mich selbst attraktiv. Was haben wir da eigentlich gemacht? Wir haben geduscht, in der Tat. Die Hälfte der Zeit jedoch waren wir bestimmt damit beschäftigt, Duschhähne zu reparieren, heißes Wasser zu finden, zu schrauben, Duschen zu tauschen weil aus einer anderen mehr Wasser rauskommt und so weiter. Die Stimmung war heiter, wie gesagt, nicht verschämt, nicht sexuell aufgeheizt, und doch schon spielerisch, des nicht alltäglichen bewusst, leise aufgeregt, mit dem Schalk im Nacken. Der Grund, warum mir alles im Gedächtnis blieb, war aber dieser natürliche, gute, positive Bezug zu meinem eigenen Körper und meiner Nacktheit und die Normalität des Ganzen, die Selbstverständlichkeit. Als hätte man es nie vorher getan, deswegen nicht alltäglich, aber sofort erkannt, dass dies der ureigenste, richtige Zustand ist. Keine Scham. Kein Ekel. Kein Drang zur Distanz. Ein Zustand, den ich sonst nicht kenne. Danke Traum, das hat mich bereichert.

 
Entsprechend geladen bin ich jetzt hier in der Wirklichkeit. Die Realität stellt so einen Kontrast dar zu der geträumten Zwanglosigkeit, dass ich hier und jetzt wieder alles verachte, was menschlich ist, Menschen betrifft oder von Menschen gemacht ist. Ob ich meine Nachbarin nebenan rumoren höre, ob es draußen das Personal ist, die Stimmen im Radio, die E-mails in meinem Postfach, geschrieben von irgendwelchen Menschen, die irgendwas von mir wollen, mich nicht einfach in Ruhe lassen können. Wenn ich auch so manches Mal denke, dass das Wort Misanthrop zu harsch sei, um mich zu charakterisieren, in Momenten wie diesen muss ich wieder einsehen, dass es haargenau zutrifft. Ich hasse sie alle. Ich hätte am liebsten eben bei der Radiosendung angerufen und dem Moderator mitgeteilt, dass sich, wenn es nach mir ginge, doch alle Leute einfach nur gegenseitig die Köppe einschlagen sollen, sich gegenseitig dezimieren, zumindest soweit, bis mal wieder n bisschen Ruhe herrscht. Dem Vorwurf der fehlenden Ethik hätte ich entgegnet, dass wenn es Moral auf der Welt gäbe, der Mensch gar nicht so rumlaufen, Bullshit von sich geben, seine Umgebung verpesten  und sich vermehren könnte wie er das nun mal tut. Die Natur ist nun mal nicht moralisch, und wir sind ein verfluchter Fehler, der die Kontrolle übernommen hat und sich selbst dadurch rechtfertigt, dass es ja so was wie Ethik gibt, und nur der Mensch mit seinem Gehirn in der Lage ist, sie sich einzubilden und sich darauf auszuruhen… Im Geiste spuck ich gerade auf den Boden.

 

Ich hätte vorhin am liebsten durch lautes Brüllen meine Mitbewohner als das geoutet, was sie sind, ich hätte am liebsten meiner Nachbarin laut gesagt, dass es ihre pure Anwesenheit ist, die mich in meinem Frieden und meiner Harmonie stört, ich hätte am liebsten der ganzen Welt entgegen geschrieen, dass ich mein armseliges Leben nun mal nicht in ein romantisches rosa Mäntelchen kleiden kann wie alle anderen – ich wollte immer schon Romantik empfinden, aber ich schaff das nun mal nicht! Keine Romantik, keine Faszination, keine Rührseligkeit, keine Inspiration. Hysterie kenn ich nicht. Sehnsucht? Dafür muss man ja einen Willen haben, der etwas herbeiwollen tut. Antrieb? Energie? Nein, abgesehen von ein paar Drogen vor leider mittlerweile sehr langer Zeit durchbricht auch nichts meine Lebensmüdigkeit. Und ja, ich mache immer noch weiter, immer weiter, ich nehm mir keinen Strick. Aber wenn man die Welt jeden Tag nackt und brach wahrnehmen muss, all ihres Pathos beraubt, woraus der Rest der Welt Spaß und Freude schöpft, dann ist nun mal alles ekelhaft und hässlich, weil die Menschen sich ekelhaft und hässlich benehmen. Wenn all die schönen Gesten und Gedanken sich in Nichts auflösen und nur noch Taten zählen, dann möchte ich denjenigen sehen, der es weiterhin wagt, dem Leben einen Sinn und dem Menschen eine Moral zu unterstellen!

18.3.08 10:48
 



Designed by
Ginny-Luna
Gratis bloggen bei
myblog.de