Sonnenuntergang
Tagebuch



Links:
24.3.08 Na frohe Ostern.

Ich bin die meiste Zeit über wieder so dissoziativ, dass ich mir vorkomme als lebe ich mit einem Kubikmeter Watte um mich herum. Gestern habe ich den ganzen Tag geschlafen, und fast die ganze Nacht. Wenn ich wach bin, muss ich die Realität immer wieder gewaltsam an mich heranziehen, weil sie meinem Kopf einfach entgleitet. Das ist unglaublich anstrengend. Und zur Zeit nehme ich mehr als stark die Differenz wahr zwischen dem was ich bin und dem was ich sein will. Tief in meinem Kopf habe ich eine Idee von mir selbst, aber was ich davon in den Alltag mit hinüber schleppe ist marginal. Wenn ich so handeln würde wie ich es mir so oft ausmale, wäre ich nach kürzester Zeit komplett erschöpft. Nicht auf die Art erschöpft, wie ich es jetzt die ganze Zeit schon bin, sondern unwiederbringlich. Ich kann mir nicht lauter Dinge vornehmen, die ich tun will und die einen riesigen Haufen Energie verbrauchen, wenn ich nicht zwischendurch auch durch irgend etwas Energie zurück bekomme. Und genau da liegt das Problem. Alles, jede Kleinigkeit, kostet mich Unmengen an Kraft. Jemanden um etwas zu bitten ist für mich so anstrengend wie für andere Leute ein Beziehungsdrama. Einkaufen zu gehen kostet so viel Kraft wie für andere ein Triathlon. Mit der Kraft, die ich morgens fürs Duschen und Anziehen brauche, könnten andere ihr Wohnzimmer tapezieren. Und es gibt keinen Ausgleich, keine Freude, keine Belohnung, die mir wieder Kraft gibt für den nächsten Tag. Das Nichts in der Seele lässt die Gelenke rosten, den Körper schwer werden, schläfert den Verstand ein. Sobald ich wieder eine neue Strategie ausprobiere, um all dem Herr zu werden, erschöpft die benötigte Disziplin meine letzten Kraftreserven.

 
In den letzten Tagen gab es zudem eine ziemlich unglückliche Konstellation hier bei uns: Cat repräsentierte nämlich das genaue Gegenteil von mir. Seit Tagen war sie am wirbeln, niemals ruhig, immer laut, nie bedacht, durchweg fröhlich. An solchen Tagen hasse ich sie, und dann hasse ich mich selbst dafür, dass ich sie hasse. Ich sehe ihre Unbeschwertheit, ihre Energie, und werde mir dadurch doppelt bewusst, wie gerne ich auch nur ein einziges Mal wieder so etwas erleben möchte, wie sehr ich sie beneide. Ich kann mich ihr dann nicht entziehen, denn sie ist ja immer überall, laut, schrill, ausgelassen, fröhlich, und ich realisiere mit Bitterkeit, dass mir so etwas niemals zuteil wird. Und während sie mich fragt, in welchem Shirt sie besser aussieht, frage ich mich, warum ich mich in der letzten Zeit jeden Tag aufs neue selbst daran erinnern muss, wieso ich mich nicht umbringe. Jetzt ist Cat weg, verbringt auswärts ein paar Tage mit ihrem homme du jour. Das Haus ist wieder still. Ich sitze hier, erinnere mich an den ganzen letzten Monat, bevor sie wieder so aufgedreht ist, wie lieb ich sie doch eigentlich hab, und schäme mich der garstigen Gedanken der letzten Tage. Und doch bin ich mir sicher, dass wenn sie wieder kommt und immer noch auf dem Party-Trip sein sollte, ich genau die gleichen Gedanken wieder haben werde. Ich kann nicht aus meiner Haut.

 
Nach dem katastrophalen Tag gestern habe ich mich heute hübsch gemacht (hat tatsächlich geklappt), nur für mich, oder mit anderen Worten für nichts und wieder nichts. Habe mit der halben Besatzung in der Küche gesessen und geraucht, hatte Jochen zum Kaffee da und André auch mit dabei, als kleines Programm gegen die Isolation. Gegen die geistige Isolation hat es nicht viel geholfen. Ich war froh, dass ich den Gesprächen folgen konnte. Ich versuche, etwas zu tun, was auch immer, irgend etwas produktives, irgendwas das ich von meiner Liste abhaken kann, aber was ich auch versuche, es bleibt zu wenig. Und im Laufe der letzten zwei Wochen habe ich alle Leute, die irgendwas von mir wollten, auf Ostern vertröstet, weil mir alles zuviel wurde. Jetzt ist Ostern, sie alle haben mich bombardiert mit SMS, mails oder über icq, und ich habe keinem geantwortet. Habe mir die Nachrichten noch nicht einmal angesehen. Mein Verstand hat eine Art der Verdrängung äußerer Reize erreicht, die dem Zuhalten von Augen und Ohren bei gleichzeitigem lauten Singen gleichkommt. Ziemlich perfekt. Vielleicht sollte ich mir mal überlegen, ob es irgend einen Beruf gibt, bei dem mir diese Fähigkeit von Nützen sein könnte… Das wäre doch mal super – für Derealisation einen Orden verliehen bekommen, oder bezahlt werden. Wie auch immer, let’s call it a day. Ich geh ins Bett.

24.3.08 20:20
 



Designed by
Ginny-Luna
Gratis bloggen bei
myblog.de