Sonnenuntergang
Tagebuch



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26.3.08 Ohne Zauber

Ich sitze wieder hier und versuche schon die ganze Zeit, den Tag zu beginnen. Gestern hab ich von allem ein bisschen gemacht, aber nur so viel, dass es am Ende doch von allem zu wenig war. Habe mich noch immer nicht für die Kurse angemeldet. War noch nicht an der Uni, um meine Sachen zu regeln. Habe noch nicht die Klausurergebnisse des letzten Semesters nachgeschlagen. War seit Samstag nicht mehr vor der Haustür. Die Welt ist einfach zuviel für mich. Ich brauche einen Manager. Ich bin nicht mal ans Telefon gegangen in den letzten Tagen. Auf meiner Mailbox stapeln sich die Anrufe, und ich will gar nicht wissen, von wem die sind. Ich ersticke hier, und hab nicht genug Energie, dem allen zu entkommen. Mein Körper ist so kalt, dass ich ihn mit Kaffee, Wärmflaschen und Pulloverschichten warm halte, während kein anderer friert außer mir. Sie sagen alle, ich soll mich einfach mal ein bisschen bewegen, aber wenn ich das tue, fang ich an zu heulen vor lauter Frustration. Es ist so als verdränge ich permanent die ganze furchtbare Sinnlosigkeit, aber sobald ich mich bewege, sobald ich nicht mehr denken kann (denn das konnte ich noch nie, wenn ich in Bewegung war), bricht sie einfach hervor und überschwemmt mich.

 
Ich habe die Magie verloren. Das umschreibt es ziemlich gut. Ich kann an nichts glauben was über das nackte, nüchterne Sein hinausgeht. Ich sehe es ständig, nicht nur in Filmen, sondern auch im wahren Leben bei den Menschen um mich herum, dass sie alle Kraft ziehen aus irgendeiner Art von Zauber, den sie wahrnehmen. Sie empfinden Faszination für andere Menschen, fühlen es knistern zwischen sich und ihnen, sie spüren besondere Verbindungen zu ihren Liebsten oder zu ganz speziellen Freunden. Sie klassifizieren Situationen als romantisch, Gesten als rührend. Sie lassen sich mitreißen in Menschenmengen, in Trance entführen beim Tanzen. Sie glauben, ihr Hund empfinde Freundschaft, und sie interpretieren eine erotische Spannung in eine Begegnung hinein. Sie fühlen Teamgeist beim Sport, und sie lassen ihr Körperempfinden in ätherische Sphären erheben, wenn sie sich mal gesund ernähren. Sie glauben an Gott und an Unheil, sie glauben, dass der Mensch von Grund auf gut ist oder von Grund auf schlecht. Sie glauben, dass Liebe alles besiegen kann. Das hat alles nichts mit der Welt zu tun, wie sie schlicht und einfach ist, ohne Verklärung, ohne Interpretationen. Denn so sehe ich die Welt, und wenn ich ihnen auch nur im Ansatz davon erzähle, all die Schnörkel weglasse, dann verschwindet das Lächeln aus ihren Gesichtern und sie nennen mich zynisch. Warum ich mich hier beschwere? Nicht weil ich kritisiere, wie sie denken und empfinden, sondern weil ich sie beneide, weil ich das auch gerne hätte.

26.3.08 10:17
 



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