Sonnenuntergang
Tagebuch



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31.3.08 Montag

Ich bin vorhin wach geworden mit einer riesigen Angst vor der Welt. Ami war nicht da, das erste Mal seit längerem nicht, und ich musste an all das denken, was mir das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit gibt. Ich hab versucht es zu verdrängen, aber der Wecker hat es dann in meine Realität zurück gebracht. Mein Herz ging zu schnell, und ich hatte das erste Mal Angst, dass mein Bett als Zuflucht für meinen Kopf vielleicht bald nicht mehr funktioniert. Ich musste an die Uni denken und an Türen, an die ich klopfen muss, an Formulare, die ich ausfüllen und Gespräche, die ich führen muss. Ich musste an André denken und die furchtbare Gewissheit, dass Schweigen mit ihm einfach nicht mehr so easy ist wie früher. Schätze, er ist jetzt bessere Unterhaltung gewöhnt. Schätze, ich würde ihn auch lieber anschreien.

 
Ami ist jetzt da, und mir fiel ein, dass er eigentlich auf die Minute pünktlich war – was kann er dafür, wenn wir am Wochenende die Uhren umstellen? Er hat gefuttert und liegt jetzt in meinem Bett, will sich aber nicht streicheln lassen. Er hat bestimmt wieder gekämpft letzte Nacht und hat neue Kratzer unter seinem regennassen Fell. Ich weiß nicht, was gerade los ist, aber mein Magen fühlt sich ganz zusammengezogen an, und ich habe Tränen in den Augen. Normalerweise bin ich um diese Zeit einfach nur leer und erledige die morgendliche Routine wie ein Roboter. Heute habe ich es gerade bis zum Zähneputzen geschafft. Jetzt fühle ich mich taub, tonnenschwer, und die Tränen rollen sogar ab und zu. Ami geht gerade wieder weg.

 
Ich hab in meinem Kopf vorhin im Bett wieder das gesamte Phänomen Liebe als grausame, zerstörerische Illusion entlarvt, die uns nur runterzieht, unser Leben kaputt macht, uns weit unter unseren Möglichkeiten bleiben lässt, uns klein hält, uns leiden lässt, uns zeigt, dass wir schlechter sind als irgendwer anders. Und wir lassen sie nur zu, weil sie so ein kleines Gefühl von Sinn in unser Leben lässt. Danach lechzen wir so sehr, dass wir unseren Kopf mit uns machen lassen, was immer er will. Ich liebe unerwidert, und ich kann nicht aufhören damit, kann es mir nicht verbieten. Wahrscheinlich ist André es nicht einmal wert, dass er überhaupt irgendwie geliebt wird, aber das werde ich nie erfahren, denn ich tue es nun einmal. Und er ist genauso blöd. Seine Liebe ist zwar nicht unerwidert, dafür aber nicht weniger masochistisch. Er ist bloß ein netter Zeitvertreib für ein kleines Mädchen, die ihn an die Seite stellen wird, sobald sie woanders spielen will. Um sein Herz kümmert sie sich einen Dreck, und er weiß das. Klar ist das alles nicht so schwarz-weiß, aber am Ende läuft es immer auf schwarz oder weiß hinaus, wie viele Schattierungen es vorher auch zwischendurch gegeben haben mag. Was machen wir hier eigentlich alle? Sind wir auf der Welt, um uns selbst noch besser zu verarschen als alle anderen? Und würden wir es nur einen einzigen Tag weiter aushalten, wenn wir damit aufhören würden? Wie scheußlich und kalt ist die Welt, wenn man sie von der Illusion Liebe entkleidet, wenn wir selbst mit Liebe in ihr sagen, dass wir uns selbst für einen anderen Menschen aufgeben würden? Das ist nicht nobel, das ist dämlich. Das ist nicht der Wert von Liebe, das ist nur die Abwesenheit von Wert von uns selbst. Es ist dumm. Jeder, der jemals einem anderen Menschen dabei zugesehen hat, wie dieser sich für einen dritten aufgibt, weiß, dass das dumm ist.

31.3.08 07:34
 



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