Sonnenuntergang
Tagebuch



Links:
2.4.08 Ich setze alles auf Chemie

Nächste Woche kriege ich eine Medikamentenumstellung. Ich habe Riesenangst und Riesenhoffnungen. Ich will nichts bekommen, was mich sediert, das wäre wie ein Todesstoß. Fast alle Wirkstoffe, die für mich eventuell in Frage kämen, haben aber genau diese Nebenwirkung. Noch mehr Müdigkeit – das würde mir das Genick brechen. Ich habe selbst recherchiert und noch ein Mittel gefunden, auf das dies mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit zutrifft. Ich werde die Ärztin fragen, ob das als Alternative in Frage käme. Darauf hoffe ich sehr, denn die angegebenen Wirkungsweisen lesen sich für mich wie aus einem Märchenbuch: das Zeug soll Wahnvorstellungen und Depressionen bekämpfen, einen für soziale Kontakte öffnen, chronisches Misstrauen und Angst verringern und gegen Antriebslosigkeit helfen. Klingt, als wäre es genau für mich entwickelt worden. Ich weiß, ich sollte mir nicht allzu große Hoffnungen machen, aber allein die Möglichkeit, dass sich in meinem Leben irgend etwas wieder zum Positiven entwickeln könnte, ist schon genug. Irgendwas muss ich doch haben, an das ich mich klammern kann…

 
Als Cat und ich uns über das Thema unterhalten haben meinte sie: „Ich hoffe so sehr für dich, dass du bald endlich wieder ein normales Leben führen kannst.“ Da ist mir erst einmal aufgefallen, wie unnormal und eingeschränkt mein Leben überhaupt ist zur Zeit, und wie anders das einmal gewesen ist. Im Alltag fällt mir das sonst nicht so auf, weil ich ja nicht die ganze Zeit darüber nachdenke (im Gegenteil – ich verdränge es die meiste Zeit über), und weil ich nun mal drinstecke in diesem Leben und es für mich zum Normalzustand geworden ist. Auf die Außenwelt wirke ich bestimmt schon reichlich merkwürdig, aber wie verheerend und verbaut es in meinem Inneren überhaupt aussieht, könnte man selbst dann nur ansatzweise verstehen, wenn man meinen bitteren Sarkasmus und mein Schweigen zu wichtigen Themen auch mal ernst nimmt – aber dann hätte man mich auch direkt als geisteskrank entlarvt. Ich will raus aus dieser Situation, ich will weg von meiner ganzen Paranoia, ich will Menschen auch mal wieder ohne diesen zynischen Filter wahrnehmen, der mir durchgehend keine andere Wahl lässt als Distanz. Ich will nicht mehr jeden Schritt in jede Richtung als Kampf wahrnehmen, und jeden Rückzug in den Stillstand als Flucht vor der Welt. Ich will keine Schuld mehr, und ich will keine Angst mehr, vor allem vor solchen Blödsinnigkeiten wie Bürokratie.

 
Ich war an der Uni und habe über mein Thema für die Abschlussarbeit verhandelt, mich aber noch nicht angemeldet. Ich sagte, ich will mich frühestens in 2 Wochen offiziell anmelden, nach der Medikamentenumstellung, wenn ich mit Sicherheit sagen kann, dass die neuen Pillen mich nicht arbeitsunfähig machen. Die Angst habe ich wirklich, aber sie war für mich bestimmt nur zur Hälfte der Grund, die Anmeldung zu verzögern. Die andere Hälfte war definitiv die reine Angst vor der Anmeldung an sich, vor dem ganzen Prozedere, der Rennerei und dem Papierkrieg. Die Angst ist nämlich wirklich furchtbar. Cat ist auch gerade dabei, und sie kam eben erst von der Uni wieder, und hat mir etwas sehr Krasses erzählt: mein Name hat ihr heute Türen geöffnet bei meinem ehemaligen Prüfer. So etwas hatte ich bisher auch noch nie gehört. Auf der einen Seite streichelt das das Ego ungemein, auf der anderen Seite geht dieses Gefühl, klein und unzulänglich und rechtlos zu sein, einfach nicht mehr weg, auch nicht nach einem solch heftigen Kompliment. Ich bräuchte einen Manager, der überall hingeht und alles für mich regelt, so dass ich nur noch inhaltlich arbeiten müsste. Hätte ich so einen gehabt in den letzten Jahren, dann hätte ich bestimmt schon meinen Master. Ich weiß, dass viele Studenten dieses Problem haben, aber ich möchte mal wissen wie viele von denen morgens im Bett aufwachen und noch im selben Moment die Decke enger um sich ziehen, sich zusammenrollen und gegen die Tränen ankämpfen. So kann man nicht leben, nicht auf Dauer. Ich erst recht nicht. Bitte, bitte, ich hoffe so sehr, dass ich nächste Woche neue Pillen kriege, die mal ein tatsächliches Wunder bewirken.

2.4.08 11:22
 



Designed by
Ginny-Luna
Gratis bloggen bei
myblog.de