Sonnenuntergang
Tagebuch



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10.4.08 Coole Vögel

Es geht mir recht gut heute. Die Sonne hat das erste Mal ihre noch schwache Wirkung getan. Ich bin Fahrrad gefahren und hatte direkt nach ein paar Minuten ernsthaftes, ekelhaftes Asthma. Das Schwindelgefühl war auf seltsame Weise ein Gefühl der Lebendigkeit, und meine verschleimten Bronchien haben mir Adrenalin durch die Adern gejagt – Leben durch die Adern gejagt. Das klingt zynisch, aber heute kann ich drüber lächeln. Ich war den ganzen Tag unterwegs, hungrig, ohne Pause. Jetzt bin ich körperlich erschöpft, aber mein Geist ist noch wach. Ich kann mich noch immer auf nichts konzentrieren, daher fällt lesen jetzt flach, und einen Film zu gucken wahrscheinlich auch. So viel Zusammenhang kriege ich heute nicht mehr auf die Reihe.

 
Die Besserung hatte ich ja schon vorausgesehen – ich rechne ja schon seit Tagen damit. Sie ist eine Mischung aus Panik aufgrund meiner eigenen Unfähigkeit, größer werdendem Druck, Frühling, Semesteranfang, Veränderung allgemein. Langfristige Veränderungen tun mir immer recht gut geistig. Am meisten ist es aber wohl die Angst vor und die Hoffnung auf die neuen Medikamente. Gerade schleiche ich die alten aus; wahrscheinlich am Wochenende dann geht es los mit den neuen. Ich hoffe so sehr, dass sie mir nicht das bisschen Besserung wegnehmen, das ich heute so deutlich gemerkt habe. Ich bin über die Flure gegangen und fand all die Leute, die an mir vorbei gelaufen sind, weniger eklig. Ich habe meinen Kopf seltener gesenkt, den Walkman häufiger aus gehabt. Ich habe Türklinken und Geländer mit bloßen Händen angefasst. Mir war zwar immer noch jedes Mal bewusst, dass ich wieder eine eklige Türklinke oder ein Geländer anfasse, aber ich habe nicht meinen Ärmel über die Hand gezogen. Und die Blicke all der anderen schienen mir nicht mehr ganz so destruktiv wie sonst. Selbst eine solch kleine Verminderung des Leids habe ich schon genossen wie andere den schönsten Sommertag ihres Lebens genießen. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich noch so ein paar Tage wie diesen habe, und vielleicht sogar noch bessere. Bitte bitte bitte neue Pillen, macht mir das nicht kapputt.

 
Ich war eben mit Alex in der Bibliothek, um an meinem Laptop zu fummeln, und während er gemacht und getan hat und ich ein wenig unruhig war, schaute ich nach draußen. Von unserem Platz aus konnte ich durchs Fenster den halben Campus überblicken, vor allem die Betonlandschaft unseres Hauptforums. Zwischen den Betongebäuden, Betonflächen und Betontreppen sind vereinzelt so kleine Betonhügel aufgebaut mit Erdkübeln drin, und darin wachsen mickrige kleine verkrüppelte Bäumchen, die jetzt noch gar keine Blätter haben. Die Erde um sie herum ist allerdings mit Stiefmütterchen bepflanzt (glaube ich; die Fenster sind wirklich recht weit weg, und ich bin kein Botaniker). Die kleinen Blüten leuchten jetzt schon und machen kleine Farb-Oasen in die Betonwüste. Aber das beste war einer dieser Krüppel-Bäume, der etwas abseits von den anderen in seinem Betonhügel steckt und ein wenig höher ist als die anderen. Er hat mitten in seinen höchsten Zweigen ein riesiges Vogelnest eingebaut, wahrscheinlich noch vom letzten Jahr, aber wirklich ein enorm großes Vogelnest, eingeflochten in eigentlich viel zu dünnes Geäst, entblößt dadurch, dass der Baum noch kahl ist. Es ist so dicht und schwer, es schwankt immer ein wenig im Wind. Ich wunderte mich, wie es dort einfach so sein konnte, als sei es schlicht um die Gravitation drum herum gebaut worden. Und dann dachte ich, was das für ein Vogel sein muss, der mitten in der Mitte des Campus, auf dem belebtesten aller Plätze, im Zentrum dieses Platzes, in den allerobersten Zweigen dieses dürren Baumes ein Nest bauen konnte. Das Nest sitzt dort wie ein Blitzfänger. Ich habe beschlossen, diesen Vogel schlicht cool zu finden, und die Entdeckung, dass es irgendwo dort draußen einen solchen coolen Vogel gibt oder gegeben hat, hat für mich die Nicht-Ganz-Vergeblichkeit dieses Tages besiegelt. Heute war nicht alles fürn Arsch. Es gibt coole Vögel.

10.4.08 21:21
 



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