Sonnenuntergang
Tagebuch



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4.5.08 Alles beim alten und nichts mehr da

Die Medikamente sind seit fast einer Woche abgesetzt. Ich schlafe jetzt nicht mehr nachmittags plötzlich mitten im Gespräch ein, oder im Seminar. Die Müdigkeit, die jetzt wieder da ist, ist die altbekannte Lebensmüdigkeit. Dieses Gefühl, dass man ungeduldig und erschöpft auf die innere Uhr schaut, wie lange es noch dauert bis man endlich stirbt. Damit kann ich besser umgehen als mit Tabletten, die andere Leute fragen lassen, ob ich betrunken bin. Das Tragische ist, sie hatten wirklich geholfen damals (damals! – vor drei Wochen). Die Gedanken in meinem Kopf waren zwar immer noch dunkel und hoffnungsfern, aber sie haben wenigstens keine Spiralen mehr gebildet, die mich immer tiefer und tiefer und weiter hinein und hinab ziehen, so wie es jetzt wieder ist. Jetzt gehe ich wieder durch die Welt wie ein geschlagener Hund, und keiner hat mich lieb. Das Furchtbarste daran ist aber nicht, wie schlimm das alles ist, oh nein, Schlimmes kann man ertragen. Das Grauenhafte ist die Gewissheit, dass es niemals anders sein wird. Gestern hab ich es kaum ausgehalten, weil ich immer dachte, dass sich das alles hier nie mehr ändern wird. Dass es einfach Dinge gibt, die für immer so bleiben wie sie sind, wenn sie sich erst einmal eingependelt haben. Das macht mich fertig. Mir steigen wieder die Tränen in die Augen, wenn ich morgens wach werde.

 
Und ich habe das Gefühl, in mir regt sich Kreativität. Ich bin meistens zu müde zum sitzen und tippen, aber in meinem Kopf sind ein ganzer Haufen Gedanken immer kurz davor, sich in Worte zu kleiden und hinausgelassen werden zu wollen. Ich habe selten so viel geschwiegen wie in den letzten Tagen, weil meine Gedanken nicht zu denen der anderen Leute passen. Aber ich fühle auch, dass die Worte kommen könnten, wenn man sich nur dafür interessieren und mir die Angst vor dem Sprechen nehmen würde. Das Gefühl der Unzulänglichkeit ist stärker als je zuvor. Die Menschen um mich herum scheinen alle selbstbewusster, intelligenter, gebildeter, und vor allem enthusiastischer zu sein als ich. Ich würde mich in der Gegenwart von anderen am liebsten winzig klein machen und einfach nur verschwinden. Was habe ich der Welt anzubieten, außer dieser gewaltigen Leere in mir, die keiner haben will und auch nicht haben kann?

 
Gestern war ich in Hamm und keiner war da. Die Heimat meiner Seele, die Stadt, in der ich die beste Zeit meines Lebens verbracht habe, und niemand war zuhause. Sie haben alle angefangen, weiterzuleben, neue Strukturen zu bilden, alte aufzulösen. Ich hatte mir so sehr gewünscht, für einen Abend ein bisschen Trost zu finden in einer Welt, die mir immer die Sicherheit gegeben hat, dass alles noch so ist wie es war, als man das letzte Mal da war. Aber diese Welt gibt es auch nicht mehr. Ich hänge haltlos in der Luft, drehe mich im Kreis und nichts ist mehr von Bestand, wenn ich Beständigkeit brauche.

4.5.08 09:09
 



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