Sonnenuntergang
Tagebuch



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6.5.08 Papier geduldiger als ich

Jetzt ist schon der dritte Tag in Folge, an dem ich morgens mit Magenschmerzen aufstehe. Ich habe geheult unter der Dusche vorhin. Was mich diesmal runterzieht? Diesmal ist es wieder die Bürokratie. Ich habe das Gefühl ich schaffe es niemals, mich endlich für meine Arbeit anzumelden. Ich brauche Passierschein A 38 im Haus, das Verrückte macht. Jeder Gang in irgendein Büro endet damit, dass ich auf zwei andere Büros verwiesen werde, in die ich erstmal vorher muss. Wenn ich einen Zettel nicht finde, den ich vor 5 Jahren das letzte Mal gesehen habe, fühle ich mich unzulänglich. Ich bin in der Beweispflicht. Sie sind das Gesetz. Dort werden nirgendwo Privilegien verteilt. Keiner kennt mich; für Sekretärinnen und Zuständige bin ich nur eine weitere Studentin – und damit der Feind. Und ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln. Ich habe im Laufe der Jahre so viele Studenten sehen, die unglaubliche Dummheit oder auch Dreistigkeit mitbringen zu den Dozenten, dass ich es nur nachvollziehen kann, dass solche Leute irgendwann nur noch die Stereotypen vor sich sehen. Aber mich macht es klein. Mich macht es fertig. Ich erfahre wieder was es heißt, in den Mühlen der Bürokratie zermahlen zu werden. Ich habe Angst vor Formularen und vor Sekretärinnen, ich fühle mich der Willkür von Paragraphenreitern schutzlos ausgesetzt. Auf einmal zählt nicht mehr, was für eine Wahnsinnsnote auf dem Schein steht – es zählt nur, dass das Ding auf Papier existiert und am besten noch elektronisch. Und in diesen Büros hat niemals jemand sich ein Bild machen können über meine Leistungen oder mein Engagement. Hier wird kommentarlos alles nivelliert, ich werde wieder zu einem Schaf in der Herde gemacht, mit dem Unterschied, dass selbst die dümmsten Schafe es bisher besser als ich geschafft haben, sich für die blöde Abschlussarbeit anzumelden. Auch menschliche Kulanz darf man nicht erwarten, und besser auch nicht drauf hoffen, denn was die Notwendigkeit von Sekretärinnen angeht, Menschlichkeit zeigen zu müssen, so sind sie aus dem Schneider. Sie haben Regeln, auf die sie verweisen können. Für diese Regeln können sie nichts, sie tun ja nur ihren Job. Wie ich das Ganze hasse. Mit dem universitären System haben die Leute etwas geschaffen, das größer ist als sie selbst – genauso wie sie es mit Stadtverwaltungen tun, Krankenkassen oder dem TÜV. Den Gesetzen dieser Systeme gegenüber sind sie aber plötzlich machtlos, vergessen komplett, dass es immer noch eine menschliche Aufgabe ist, diese Regeln zu interpretieren.

 
Eine Woche lang habe ich vor diesem Ordner auf meinem Regal so viel Angst gehabt, dass ich mich nicht traute, ihn anzufassen. Bürokratie hat mich schon immer in die Verzweiflung getrieben. Aber die letzte Woche war so furchtbar, erst die Probleme mit den Medikamenten, der unglaubliche Seelenschmerz in Bezug auf alles, was mit André zu tun hat, die Depressionen, die mir morgens direkt nach dem Aufwachen die Tränen in die Augen treiben, die verzweifelten Fluchtversuche in die grelle Frühlingssonne… mittlerweile werden alle anderen Probleme genauso brennend und nagend wie dieses. Also habe ich mir für heute vorgenommen, im Bürokratenkrieg in die nächste Schlacht zu ziehen. Und ich habe so eine Riesenangst, weil ich quasi unbewaffnet bin. Ich werde mich schminken und dann in die Welt stürzen. Nach dem Kaffee. Und nachdem ich Ami gekrault habe. Und vielleicht warte ich besser noch bis Cat wach ist. Sie ist zur Zeit mein Realitätsanker; wenn ich mit ihr nicht sprechen kann, schaffe ich es überhaupt nicht mehr aus meinen saugenden Kopfwelten heraus. André fehlt mir.

6.5.08 08:35
 



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