Sonnenuntergang
Tagebuch



Links:
30.5.08 Mittagspause

Ich schreibe dies hier in meiner Freistunde, sitze auf einem der schwarzen Ledersofas im Mensa-Foyer. Freitags ist hier nicht so viel los. Ich übertrage den Eintrag später.

 
Die neuen Tabletten scheinen tatsächlich zu wirken. Meine bösen Gedanken sind natürlich noch da, aber sie stehen jetzt einfach im Raum, sind klar als böse identifiziert und bilden keine reißenden Strudel mehr, die mich mit sich hinabziehen. Ich bin nicht mehr dissoziativ. Und auch wenn ich mich bisher erst wenig verändert habe, so steht mir doch schon jetzt grotesk vor Augen, was die Krankheit in den letzten Jahren aus mir gemacht hat. Ich selbst habe mich nicht gehasst, aber ich habe mich stets verachtenswert gefühlt, wenn ich versucht habe, mich selbst mit den Augen anderer zu betrachten. Das ist immer noch so, aber jetzt ist es mir sehr bewusst.

 
Ich lerne gerade etwas kennen, das ich noch niemals kannte: Langeweile. Ausgerechnet jetzt (noch 3 Wochen bis zur Abgabe)! Die Welt ist noch immer sinnlos, aber da mein Kopf mich jetzt nicht mehr mitnimmt auf Reisen, brauche ich andere Menschen, die mich von dieser Tatsache ablenken, mit denen ich die Zeit rumkriegen kann bis alles endet. Ebenfalls grotesk ist es, wie alleine ich mich fühle. Als hätte ich, was soziales Leben angeht, einfach keinen Fuß mehr in der Tür. Ich habe nichts zu tun und nichts zu erzählen. Nicht die besten Voraussetzungen für neue Freundschaften. Und sie erwarten alle etwas extrem anstrengendes von mir: Enthusiasmus. Noch schaffe ich es nicht, mich für irgendwelche Dinge zu begeistern, nicht mal für Kleinigkeiten. Sobald man Enthusiasmus für irgend etwas vortäuscht, bekommt man sofort positive Resonanz. Aber das ist auf Dauer viel zu anstrengend, und die „white lie“ macht einen innerlich nur noch zynischer. Ich gehe ja auf die Partys, ich rede ja über Männer, ich versuche ja zu sagen was ich fühle. Und die ganze Zeit über hoffe ich inständig, dass der ganze Kram mir auch bald mal wieder Spaß machen wird, vielleicht schon in ein paar Wochen, wenn ich nur weiter die Pillen nehme. Irgendwann muss das alles doch mal die Mühe wert sein. Irgendwann soll mich nicht alles erschöpfen.

 
Ingo hat mir SMS geschickt und sich für Ende Juni angekündigt. Ich freue mich, bin sehr gespannt. Ich möchte vielleicht, eventuell, mit ihm schlafen, aber auf jeden Fall will ich mit ihm über André reden. Wieso mit ihm? Weil ich wissen will, wie André’s Seite aussieht – schließlich stand er selbst mal da, ob er sich nun erinnert oder nicht. Von mir geliebt, aber zurückweisend und mit anderen Frauen unterwegs bis zum Schluss. Ich werde ihm definitiv noch mal klar und deutlich auf die Nase binden, dass er der Grund war, weshalb ich mein Leben in Hamm nicht mehr ertragen habe und nach Bochum gezogen bin. Ja, ich bin wirklich gespannt.

3.6.08 19:28
 



Designed by
Ginny-Luna
Gratis bloggen bei
myblog.de