Sonnenuntergang
Tagebuch



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3.6.08 Kann grad nicht lernen

Die Arbeit macht mich edgy. Ich habe immer noch nicht einen Buchstaben stehen. Stattdessen wirken die Medikamente. Die Depressionen lassen nach. Ich will raus in die Sonne. Ich will unter Leute, selbst wenn ich Leute nicht leiden kann – ich will plötzlich hören, was sie so erzählen. Ich würde jetzt am liebsten keine Arbeit schreiben, sondern ein Buch. Von innen stehen wieder Welten vor meinen Augen, klar und detailliert, so dass man sie nur noch ordnen und rauslassen müsste. Ich habe eben eine Dreiviertelstunde lang mein Zimmer aufgeräumt, obwohl es gar nicht so übel aussah. Ich hatte ja heute morgen schon mal aufgeräumt. Und ich habe Wäsche gewaschen. André tut immer noch weh, aber jetzt sind es Schmerzen, die ich mit einer schicksalsvollen Melancholie ertragen kann. Ich möchte Leute anrufen, von denen ich seit Monaten oder Jahren nichts gehört habe. Und ich möchte schreiben, schreiben, schreiben, alles nur nicht meine Arbeit. Ich sehe mich selbst immer morgens in der Bibliothek sitzen und an meiner Arbeit schreiben, mit meinem Laptop und den Büchern, oder abends, wenn es draußen schon dunkel wird, immer voller guter Vorsätze. Aber ich tue es nicht. Ich tue es einfach nicht. Es ist wieder das alte Lied. Der Druck muss offenbar immer noch so groß sein, dass ich hier sitze und zwischendurch vor Verzweiflung heule, sonst kriege ich nichts gebacken. Gar nichts.

 
Ich höre Musik, und die Musik kitzelt meine Seele. Ich fühle so was wie Inspiration statt des altbekannten Nichts, das aus jeder Musik nur störendes Geräusch gemacht hat. Ich kann mich noch nicht so ganz an mein neues Sein gewöhnen, es ist so fremd. Selbst die Müdigkeit wird deutlich weniger. Ich habe mich schon einmal so gefühlt, ich erinnere mich, aber das ist alles Jahrtausende her. Damals war ich noch ein Teenager. Ich kehre zur Realität zurück und auf einmal beginne ich darüber nachzudenken, ob sie mir überhaupt gefällt. Seit ich weniger schlafe und tagsüber nicht dissoziativ in meinen Kopf verschwinde, habe ich so viel Zeit. Die muss ich irgendwie ausfüllen mit der Suche nach Sinn oder dem Vermeiden des Denkens oder der weiteren Verbesserung meines Lebensgefühls. Bin ich schon bereit, all das nachzuholen, was die letzten Jahre mir genommen haben? Es fühlt sich alles noch so anstrengend an. Ich rauche zuviel, und Alkohol schmeckt mir schon fast wieder. Vom Rest brauche ich erst gar nicht zu sprechen. Ich spüre den Drang mitzunehmen, was immer jetzt kommt, aus Angst, dass mein Zustand nicht von Dauer ist und ich mich eines Morgens wieder zusammengerollt unter der Decke wieder finde, einen Stein im Magen und Tränen in den Augen. Deshalb sag ich jetzt ständig ja, wenn man mich auf Partys einlädt, ob ich Lust habe oder nicht. Tatsache ist, ich habe noch immer durchgehend keine Lust, aber ich fühle mich verpflichtet dazu, zu tun was immer ich kann.

3.6.08 19:46
 



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