Sonnenuntergang
Tagebuch



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15.6.08 Intermezzo

Ich hab es tatsächlich getan. Habe vorletzte Nacht mit Jochen geschlafen. Es war gut, aber wieder genauso, wie es unter Freunden immer ist: schnell, ohne die Liebe, die außer mir alle anderen zu erleben scheinen, ohne Küsse. Und als wir uns gestern gesehen haben, war auch alles wieder back to normal. Aber er hat mir einen Dienst erwiesen, für den ich ihm sehr dankbar bin: er hat mich die ganze Nacht im Arm gehalten. Das hat viel geheilt. Ansonsten fühle ich mich ziemlich am Boden. Dieses Intermezzo hat mir gezeigt, wie sehr ich André vermisse. Jemanden, den ich nie wirklich gehabt habe, habe ich so sehr vermisst, dass es weh tat. Gleichzeitig habe ich natürlich Jochen gegenüber ein schlechtes Gewissen bekommen, wollte ihm nicht Unrecht tun allein schon mit dem was ich so denke. Welch eine Ironie: gerade an dem Tag wollte ich eigentlich einen Eintrag machen darüber, dass André so langsam aus meinem Kopf verschwindet, dass ich besser ohne ihn klar komme, dass die Emotionen in Bezug auf ihn weniger werden, dass weltliche Dinge wie meine Arbeit tatsächlich Vorrang haben. Genauso fühlte ich mich.

 
Und jetzt – vorhin unter der Dusche hab ich geheult. Wenn mir wieder in den Kopf kommt, dass er die Welt für mich ist, dass ich alles für ihn tun würde, dann hasse ich mich für diese Schwäche. Teenager denken so was, oder Stalker. Ich will das nicht. Ich denke immer an sein blödes Gerede von wegen Eifersucht sei Besitzdenken bla bla. Was will ich denn von einem, der so denkt? Natürlich ist Eifersucht Besitzdenken, aber deshalb kann ich sie doch nicht verbannen. Was bitte ist denn Liebe anderes als Besessenheit, der Wunsch, besessen zu werden und selbst den anderen Menschen für immer bei sich zu haben? Alles was weniger als das ist, ist auch keine Liebe. Man sollte sich nur noch wünschen, dass der von dem wir besessen werden auch gut mit uns umgeht. Es ist nicht angenehm, wenn das Herz, das wir schon unfreiwillig aus der Hand geben, auch noch fallen gelassen oder lässig weggekickt wird.

 
Ich denke immer an all das, was ich damals im Bett mit André alles nicht gemacht habe, weil wir nicht zusammen waren. Heute schwanke ich zwischen den Gedanken „Gott sei Dank hast du deinen Selbstschutz aufrecht erhalten“ und „Genau so hast du es geschafft ihn zu vergraulen“. Ich kann diese zwei Sichtweisen nicht miteinander versöhnen, sie stehen einfach im Raum. Mir ist klar, dass diese kleinen Hüpfbienchen, mit denen er sich seitdem umgibt, mit ihm aus Spaß all das machen, was ich bei dem mangelnden Rückhalt außerhalb einer Beziehung einfach nicht könnte. Und Belinda scheint ihm ja auch gut zu tun, schließlich kriegt er sein Leben jetzt langsam wieder auf die Reihe. Ich hoffe so sehr, dass sie ihm nicht weh tut – er ist schließlich bitter genug manchmal. Hoffentlich lässt er sich nicht blenden von der ganzen guten Laune und vom Interessantsein und vom Kleines-Mädchen-Sexappeal; hoffentlich denkt er zwischendurch mal daran, dahinter zu schauen, sich zu fragen, wie lange seine süßen, kurzbeinigen Manga-Unterwäsche-Träume ihn noch umkreisen, wenn es mal wirklich richtig ernst wird. Ich habe einfach Angst um ihn, dass er, falls es irgendwann vorbei ist, wieder hier sitzt, rauchend, die Gedanken nicht von irgend einem dummen kleinen Mädchen loskriegend, und ich auch hier rauchend sitze, und wir uns anschweigen, und ich meine Gedanken nicht von ihm loskriege. Ja, um mich mache ich mir da auch Sorgen.

 
André ist definitiv in die Reihe der Männer eingegangen, die ich nicht nur einmal geliebt habe, sondern die ich immer lieben werde, ganz egal was kommt. Die anderen machen mir keine Sorgen mehr (außer Hendrik in meinem Kopf ab und zu), aber zu denen hab ich ja auch die physische Distanz. Ich will aber eigentlich keine Distanz zu André. Ich will nur Distanz zu ihm und Belinda als Pärchen. Das kann ich mir kaum angucken. Ich hasse Pärchen, schon immer. Und meine Distanz zu ihm könnte momentan eigentlich kaum größer sein – wenn wir uns sehen, sind wir stumm oder reden über das Wetter. Wie könnte es auch anders sein? Ich glaube es liegt an mir. Er turtelt die ganze Zeit mit Belinda, wenn sie da ist, und ich bin selbst mit anderen Leuten stumm oder rede über das Wetter. Ich habe nichts zu sagen – mir fiel es schon immer schwer, die ganze Welt zu besprechen. Sie sollen mal alle hören was ich nicht sage, das wäre viel aufschlussreicher.

15.6.08 10:07
 



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