Sonnenuntergang
Tagebuch



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22.6.08

Ich weiß wieder nicht wohin mit mir. Kann nicht lesen, nicht schreiben, nicht denken. Ich wäre am liebsten unter Leuten, aber alle hier schlafen oder lernen oder sind weg. Ich höre Janis Joplin, trage schon meinen Bikini unter dem Kleid, weil es heute heiß werden soll. Warm und schwül ist es schon. In den letzten ein oder zwei Tagen hat sich ein fataleres Gefühl eingestellt als das, was ich vorher hatte. Jetzt ist es fast schon eine Gleichgültigkeit, als sei es egal, ob ich die Arbeit rechtzeitig schaffe oder nicht. Ich will, dass es mir etwas ausmacht, aber vielleicht haben die Panikattacken meine Emotionen aufgebraucht. Gleichzeitig sehe ich mich selbst in der Zukunft, ohne irgendwas in der Hand, immer arm, nie regulär im Leben wie alle anderen. Ich sehe mich als Hartz 4-Surfer mit schlechtem Gewissen, sich von einem zum anderen Scheißjob endlang hangelnd, während alle anderen von 8 bis 5 außer Haus arbeiten, heiraten, Familie gründen. Der Gedanke macht mich derzeit müde und traurig. Wenn ich ihn sonst hatte, hätte ich mich fast übergeben.

 
Aber sie lassen mich langsam hinter sich, alle zusammen. Suchen sich gute Arbeit, finden sogar welche. Ziehen weg. André zieht aus. Ich hätte nicht gedacht, dass er vor mir raus ist hier, und jetzt geht alles verflucht schnell. Meine Gefühle haben sich in mir gemischt, aber nicht so wie Schoko- und Erdbeereis, sondern eher wie Kerosin und Abflussfrei. Ich will, dass er endlich weg ist, damit meine Seele in Ruhe heilen kann und ich endlich nach vorne blicken und mein Leben irgendwie anders ausrichten kann und muss. Auf der anderen Seite vermisse ich ihn jetzt schon viel zu viel, hätte ihn am liebsten noch jeden Tag um mich, und wenn auch nur 5 Minuten, scheißegal, ich könnte fast drum betteln. Und noch wohnt er ja hier. Ich habe nie so viele andere Leute so regelmäßig gesehen wie in der letzten Zeit, und ich hab mich noch nie so alleine gefühlt. Ich gehöre nirgendwo mehr wirklich hin.

 
Ich habe Angst, dass mir alles entgleitet. Was ist, wenn ich die Arbeit wirklich nicht schaffe? Alle meine Wurzeln hier lösen sich auf, nichts hält mich. Ich seh mich schon mit dem Rucksack auf der Straße, auf der Flucht vor mir selbst, und gleichzeitig auf der Suche nach mir, pendelnd zwischen all den Leuten, die mal Anteil an meinem Leben gehabt haben. Spannendes Abenteuer? Nein ich will das nicht, ich hab so was nie gewollt. Ich will nicht vogelfrei sein – ich tausche gerne jedes Stückchen Freiheit für ein bisschen Sicherheit ein, nur einmal im Leben. Ich habe Angst, dass ich stationär gehen muss, wenn das mit der Arbeit schief geht. Ich fühle mich nicht wahnsinnig im Moment, ich bin selten dissoziativ, und meinen Alltag kriege ich mit Hängen und Würgen immer noch hin. Aber ich träume von Waffen, und dabei ergreift mich eine sehr kraftvolle Sehnsucht danach, dass einfach alles endet. Ich bin schon viel kranker im Leben gewesen als jetzt, aber ich war selten so lebensmüde. Die Sehnsucht nach totalem Stillstand lässt mich kaum noch los. Ich hasse derzeit jede Bewegung, egal in welche Richtung sie stattfindet, egal wer sie ausführt. Ich muss mir jedes Mal wirklich meine Eltern vor Augen führen und den Kummer, den ich ihnen zufügen würde, damit ich das alles bekämpfen kann. Ich werde definitiv nichts tun, was ihnen Schmerz bereiten könnte, daran halte ich mich. Ich mache einfach weiter und weiter und weiter und weiter. Trotzdem, der Wunsch nach Frieden bleibt.

22.6.08 12:22
 



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