Sonnenuntergang
Tagebuch



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7.7.08 Verlangen und ein Fjord

Ami liegt auf meinem Schoß. Es ist still hier, nur der Wind zerrt vor dem Fenster an den Bäumen. Was für ein Wochenende habe ich hinter mir. Eskapismus pur. Freitag Party. Samstag Party. Gestern Konzert. Ich war unterwegs um nicht an meine Situation oder meine Zukunft oder überhaupt an mich zu denken. Dabei ist die Distanz zwischen mir und dem Rest der Welt wieder besonders groß. Freitag hier im Garten hatte ich mehrfach den Drang wegzugehen und zu schreiben, aber ich habe es nicht getan. Möglicherweise weil hier einige Ereignisse einfach zu krass sind, um darüber zu schreiben. Samstag habe ich Thorstens Bandkollegen kennen gelernt, Michael. Er war ausgesprochen nett und hat sich auch moderat interessiert an mir gezeigt, aber ich glaube ich kann so etwas nicht angemessen spiegeln. Man sieht mir im Gesicht nicht an, was ich innen drin fühle. Ich glaube nach außen hin wirke ich kalt und uninteressiert – es kostet mich verdammt viel Mühe, meine Augen leuchten zu lassen. Ich denke nicht, dass ich von Michael noch viel hören werde. Gestern dann noch einen kleinen Eindruck von Bochum Total. Die Musik war belanglos. Aber hätte ich richtig Geld, hätte ich mich gestern ohne Ende vollgefressen. Das ganze Essen da wollte ich wirklich haben.

 
Es sind diese Momente des Wollens, die ich manchmal habe, die mir so besonders wichtig sind. André und ich haben jetzt ein Geheimnis zusammen – das ist es, worüber ich schon die ganze Zeit nicht schreiben kann. Und in der Nacht, in der es entstanden ist, war das Überwältigendste von allem dieses ungeheure Wollen, das Spüren von Sehnsucht und Verlangen in einer Größenordnung, die ausreicht um meine Prinzipien außer Kraft zu setzen. Er bringt mich dazu etwas zu wollen, so sehr, dass es mein ganzes Ich ausrichtet wie einen Kompass. In all der Leere und der Belanglosigkeit ist plötzlich ein Wille da, eine Richtung, etwas, das alles andere ausblendet und für die Dauer des Moments mein Leben ganz ganz einfach macht. Wille zu spüren ist großartig, lebendig, selbst wenn er Dinge zerstört während er aus seinem Käfig ausbricht. Etwas zu wollen heißt scheinbar soviel wie Mensch zu sein. In der Nacht wollte ich André mehr als alles andere, und seitdem achte ich immer auf die seltenen Momente, wenn sich mein Wille regt, egal in welche Richtung, und sei es nur Essen. Ich will wieder wollen.

 
Ich muss ein Referat vorbereiten. Ich will nicht. Nicht wollen kenne ich genug, das ist uninteressant. Ich will so viele Dinge nicht. Ich will zum Beispiel nicht raus gehen heute. André zieht heute aus. Ich habe Angst ich fange an zu heulen wenn ich das sehe. Ich hatte meine Hilfe angeboten, er hat nichts gesagt, und irgendwie bin ich froh darüber. So selten ich ihn auch sehe in der letzten Zeit, der Gedanke, dass das jetzt noch seltener wird, reißt mir das Herz raus. Ich habe damals immer so gerne meinen Alltag mit ihm geteilt. Auch wenn ich das schon lange nicht mehr habe, so ist doch die Gewissheit, dass ich das endgültig nie mehr haben werde, etwas ganz Schlimmes. Heute Abend ist er weg. In der Nacht neulich hat er ein wunderschönes Bild unserer Freundschaft kreiert, über Liegen an einem Haus an einem Fjord in Finnland und über uns beide, die dort herumliegen, wenn wir alt sind. Er sagt es ist egal wie lange wir uns nicht sehen, unsere Freundschaft wird immer bestehen. Er hat nicht nur Recht, es ist auch ein großes Kompliment für mich, dass er das gesagt hat. Das Dumme ist nur, ich habe schon viele Freundschaften, auf die genau das zutrifft. Dass man eine ganz besondere Verbindung miteinander hat, ganz egal was passiert, selbst wenn man sich ewig nicht sieht. Was mir fehlt ist die Freundschaft, bei der man nach der Arbeit zusammen Nudeln kocht. Ich habe ein Dutzend Freunde, die ich lange nicht gesehen habe, und mit denen ich eine ganz große Zeit haben werde, wenn ich sie wieder mal besuche irgendwann irgendwo in Deutschland. Aber hier und jetzt bin ich ganz alleine. So fühlt es sich zumindest an.

 
Ob die Liege an dem Fjord ernst gemeint war? Eigentlich ist das vollkommen egal. Im Grunde sind wir alle allein, kommen allein zur Welt, sterben allein. Freundschaft ist eine Art und Weise, sich die Illusion zu verschaffen, dass es nicht so ist. Und André hat mir dieses wunderschöne Bild kreiert, das mir jetzt noch die Tränen in die Augen treibt – da frage ich nicht nach, ob das eine Illusion oder die Illusion einer Illusion ist. Ich habe kaum je eine so perfekte Freundschaftserklärung bekommen, und auch wenn sie meine Einsamkeit nicht heilen konnte, nicht einmal in dem Moment, so hat sie mich doch sehr getröstet. Trost ist eine der besten Illusionen, die man hier kriegen kann.

 
Ich glaube ich brauche eine Sexbeziehung. Nicht mit André. Eine richtige Beziehung schaff ich glaub ich nicht – es fällt mir ja schon schwer, einem Menschen eine halbe Stunde lang zuzuhören, geschweige denn selbst etwas zu sagen. Ich bin so dissoziativ und weggetreten in der letzten Zeit, da hätte niemand wirklich Spaß mit mir. Sex wäre einfacher. Ich brauche jemanden, der es ebenfalls raus hat, mich dazu zu bringen etwas zu wollen. Schwer genug. Ich will meine Zeit nicht allein verbringen, und was Sex angeht gäbe es Dinge, die ich wollen kann, im Gegensatz zu anderen Themen, mit denen sich Pärchen so beschäftigen. Musik, Kultur, Sport, das lässt mich alles so richtig kalt im Moment. Ich will nur das Verlangen nach irgend etwas spüren, damit ich mich lebendig fühlen kann.

7.7.08 14:31
 



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